#acertaindegreeofflexibility

Bedingungen der Wissensproduktion zwischen Qualifizierung, Selbstoptimierung und Prekarisierung

Online-Tagung am 07. und 08. Oktober

! Anmeldung jetzt möglich bis zum 01.10.21 !

Auf dieser Seite findest du fortlaufend aktuelle Informationen und Updates zur Online-Tagung

Tagungsthema

Seit der Bildungsexpansion der 1960er Jahre hat sich die Hochschullandschaft zunehmend ausdifferenziert (Schäfers 2012). Die Erziehungswissenschaft lässt sich diesbezüglich mit Blick auf den Anstieg von Studiengängen, -anfänger*innen und -absolvent*innenzahlen sowie von Forschungsarbeiten als Erfolgsprojekt fassen (Abs/Kuper/Martini 2020). Ebenso lässt sich konstatieren, dass diese Expansion mit einem zahlenmäßigen Anstieg von Wissenschaftler*innen jenseits unbefristeter Professuren (Jens* von P.[1]) einherging bzw. einhergeht (Krüger/Kücker/Weishaupt 2012). Vielfältige Aufgaben in Forschung und Lehre werden an Hochschulen im Kontext unsicherer und hochgradig prekärer Beschäftigungssituationen bewältigt – rechtlich abgesichert durch das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZVG) und ideologisch untermauert durch die Bayreuther Erklärung (2019), die die fortschreitenden Prekarisierungsprozesse im Hochschulsystem mit dem Argument der Qualifizierungsaufgabe im Sinne einer Förder- und Forderpraxis unterstützt.

Dass ein neoliberaler Impetus, der bezüglich der Verwertbarkeit von Forschung Optimierungs- und Rechtfertigungsdruck erzeugt, das Wissenschaftssystem betrifft, ist konsensual (Demirovic 2015). Der vorherrschenden Logik wettbewerbsorientierter, unternehmerischer Universitäten (Riegraf/Weber 2013) folgend wird wissenschaftliches Arbeiten zum individuellen Erfolgsprojekt umgedeutet. Im Vordergrund dessen steht die Sicherung von Karrierewegen (kritisch: NGAWiss 2019), obwohl ein dauerhafter Verbleib in der Wissenschaft eher die Ausnahme als die Regel darstellt (Jongmanns 2011). Aus den vorliegenden theoretischen wie empirischen Befunden zu Prekarisierung (zsf. Motakef 2015; Lorey 2012; Butler 2015; Bourdieu 2004) kann geschlussfolgert werden, dass sich prekarisierte Arbeitsverhältnisse auch auf die Lebenslagen und sozialen Nahbeziehungen auswirken. Die geschilderte Marktlogik greift nicht ‚nur‘ auf die Arbeits- und Lebensumstände von Wissenschaftler*innen über, sondern verändert obendrein inhaltliche, theoretische und methodologische Diskurse (Keller 2014) oder gar die soziodemographische Zusammensetzung der Forscher*innenlandschaft – z.B. in Bezug auf ungleichheitswirksame Geschlechter- oder Klassenverhältnisse (Majcher/Zimmer 2010).

Dass auch die Erziehungswissenschaft als Disziplin politischen Implikationen aktueller Profitabilitätsanforderungen ausgesetzt ist, zeigen die Versuche der Normalisierung prekarisierter Arbeitsverhältnisse im öffentlichen wie hochschulinternen Diskurs. Es erscheint notwendig, die angestoßenen Diskussionen zum „Hamsterrad (Erziehungs-)Wissenschaft” (Kessl/Schmidt 2016) empiriebasiert fortzuführen. Gegenwärtig liegen lediglich verstreute Befunde und Bemühungen zur Erforschung der Arbeitsbedingungen und Lebenslagen von Wissenschaftler*innen jenseits unbefristeter Professuren in (sozial)pädagogischen Feldern vor (Lange-Vester 2013, 2016; Fritz et al. 2019; Simon et al. 2021, i.E.) – nicht selten jedoch rückblickend aus der Perspektive derjenigen, die zumeist die prekäre Arbeitssituation mit dem Erlangen einer Professur überwunden haben (siehe Beiträge in Reuter et al. 2020; Leinfellner 2018).

In Ergänzung zu den vielfältigen Bestrebungen, aus gewerkschaftlicher Perspektive für bessere Arbeitsbedingungen an den Hochschulen zu kämpfen, möchten wir mit der Online-Tagung im Oktober einen Diskursraum eröffnen und mit diesem Call dazu aufrufen, sich aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive mit theoretischen wie empirischen Beiträgen zu beteiligen. Damit wollen wir auch anstoßen, ein Netzwerk zu schaffen, theoretische sowie empirische Ansätze, die den oben beschriebenen Bereich betreffen, zusammenzutragen und neue Forschungsverbünde anzustoßen oder alte Zusammenhänge wiederzubeleben.

[1] Die von den aktuellen Beschäftigungsbedingungen betroffenen Wissenschaftler*innen jenseits unbefristeter Professuren (Jens*) umfassen Promovend*innen, Stipendiat*innen, Drittmittelbeschäftigte, wissenschaftliche Mitarbeiter*innen, Juniorprofessor*innen sowie akademische Rät*innen. Die Bezeichnung Jens* von P scheint treffender als infantilisierende Bezeichnungen wie ‚wissenschaftlicher Nachwuchs‘. Mit ihr lassen sich Machtasymmetrien im wissenschaftlichen Feld in den Blick nehmen, ohne diese zu individualisieren oder zu naturalisieren (Bünger/Jergus/Schenk 2016).

 

 
 

Das Programm zur Tagung

Donnerstag, 07.10.2021

ab 13.45 Uhr
„Ankommen“

14.00 Uhr
Begrüßung durch das Tagungsteam

14.15 Uhr
Grußworte von Andreas Keller (GEW)

14.30 – 16.00 Uhr 
Panel I: Bedingungen der Wissensproduktion – Theoretische & historische Perspektiven

Friederike Thole (Uni Kassel)
Thematische Einführung

Martin Hunold (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel):
Erziehungswissenschaftliche Wissensproduktion und mehrdimensionale Machtungleichheiten. Skizzen für eine macht- und feldreflektierende Theoriebildungs- und Forschungspraxis

Selma Haupt (RWTH Aachen):
Radikal anders Wissenschaft betreiben. Zur Aktionsforschung in den 1970er Jahren

16.00 – 16.30 Uhr
Pause

16.30 – 18.00 Uhr
Podiumsdiskussion „Forschung zwischen Empirie, Aktion & Bewegung”

Freitag, 08.10.2021

ab 09.45 Uhr
„Ankommen“

10.00 – 12.15 Uhr             
Panel II: Bedingungen der Wissensproduktion – Phasen & Wege im wissenschaftlichen Feld

Stephanie Simon (ITES & Uni Kassel) & Julian Sehmer (ITES & HAWK Holzminden):
Thematische Einführung

Sabine Schäfer (Universität Bielefeld):
Die Herstellung von Übersicht in prekärer Lage. Junge Wissenschaftler*innen auf dem Weg ins wissenschaftliche Feld

Lara Altenstädter (Universität Duisburg-Essen):
Aufstieg durch Selbstoptimierung? (Aus)wirkungen  von Konkurrenz und Leistungsdruck auf die Alltagspraktiken von Juniorprofessor*innen

Anne Dölemeyer / Johannes Fousse / Tanja Paulitz (HAWK und TU Darmstadt):
Jenseits der Gläsernen Decke. Professorinnen zwischen Anerkennung und Marginalisierung

Diskussion des Panels

12.15 – 13.30 Uhr
Pause

 

13.30 – 15.45 Uhr            
Panel III: Bedingungen der Wissensproduktion – Soziale Ungleichheiten & Exklusion

Stefanie Leinfellner (Uni Paderborn):
Thematische Einführung

Ricarda Kramer (TU Darmstadt):
Befristung und Corona – Die Folgen von Befristungen und Corona-Pandemie auf hessische Hochschulen

Yvonne Wechuli (Universität zu Köln):
Behindernde Affekte im Hochschulkontext. Ungleich geteilte Emotionsarbeit als materielle Folge ableistischer Gefühle

Susanne Pawlewicz (TU Darmstadt):
Homo non-academicus. Habitus und (Selbst-)Exklusion im universitären Feld

Diskussion des Panels

15:45 Uhr
Abschluss der Tagung und Verabschiedung

Anmeldung zur Online-Tagung

Name, Vorname

Das Tagungsteam

Stefanie Leinfellner

Universität Paderborn

Julian Sehmer

HAWK Holzminden & ITES

Stephanie Simon

Universität Kassel &ITES

Friederike Thole

Universität Kassel

Und als Mitveranstalterin unterstützt von...

Du willst die Wartezeit verkürzen? Hier findest du Vorträge des Panels EZW 2.0: Prekarisierung als Optimierungsmotor der Disziplin als Video…

…viel Spaß beim Anschauen und wir freuen uns über Anmerkungen und Kommentare

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Kristin Eichhorn

    Mit dem Hashtag kämpfe ich auch immer wieder – da fehlt ein “i” in eurer Überschrift. Vielleicht korrigieren, bevor wir richtig Werbung machen? 🙂
    Herzliche Grüße von #95vsWissZeitVG!

    1. Julian Sehmer

      Herzlichen Dank für den Hinweis!
      Jetzt sind genügend “i” vorhanden.
      Herzliche Grüße