Sprache als Konstruktion von Wirklichkeiten – oder: „Abrakadabra“

Sprache als Konstruktion von Wirklichkeiten – oder: „Abrakadabra“

In der taz am Wochenende des 6. und 7. Februars diskutiert die Journalistin Ulrike Winkelmann die Sprachpolitik und macht darauf aufmerksam, dass Sprache in ihrer konstituierenden Kraft der Gefahr unterliege, Dinge „schönzureden“ [1]. Dies, so Winkelmann, sei insbesondere dann mit Vorsicht zu gebrauchen, wenn Sprache und Sprachregeln durch politisch Mächtige mit einem Herrschaftsanspruch einhergingen. Für diese Perspektive sind der Gesetzesentwurf des „Jugend-stärkungs-Gesetz“ oder der Begriff Klimawandel prominente und aktuelle Beispiele, die etwas suggerieren, dass sprachlich auch anders gefasst werden könnte. „In dem Augenblick, da emanzipative Sprachpolitik zu einer von einem ‚Oben‘ gesetzten Norm wird […] wird sie sich genau diesem Vorwurf aussetzen müssen: dass sie Wirklichkeiten konstruiert, die viele nicht als die ihren begreifen“. In ihrer Kritik geht Winkelmann noch einen Schritt weiter und verweist auf den Diskurs der diskriminierungsfreien Sprache im akademischen Raum. Das hier vollzogene „Sprachspiel“ einer „neue[n], inklusive[n] Sprache“ sei laut Winkelmann als „Avantgardeprojekt“ perspektivisch zu begreifen und müsse sich auch mit den „Kollateralschäden“ befassen, „die ein solches Projekt mit sich bringt, wenn es die Avantgarde verlässt“. Dabei kritisiert die Autorin nicht nur, dass eine inklusive Sprache ebenso eingrenzend sein kann, was der Begriff „People of Colour/POC beziehungsweise BI-PoC“ zeige, denn er erfasse „nicht die Wirklichkeiten der migrantischen und postmigrantischen Communitys“, sondern auch, dass eine inklusive Sprache zuweilen „wenig bis nichts mit dem Sprachalltag der allermeisten Menschen ohne Hochschulabschluss zu tun“ habe. Winkelmann plädiert dafür, „das Bemühen um faire Sprache als ein Projekt zu begreifen, das zwar emanzipativ gemeint sein kann, aber nicht von allen als emanzipativ verstanden werden muss“. Die Autorin argumentiert, dass „Gemeintes nicht unbedingt Verstandenes sein muss“. In der Reflexion dieser Argumentationen wird deutlich, dass Sprache eine wie auch immer gerichtete Eingrenzung innewohnt und das Bemühen um faire, inklusive Sprache scheinbar nicht in Gänze die menschlichen Wirklichkeiten erfassen kann. Dennoch ist es originäre Aufgabe der Wissenschaft, mit Sprache reflexiv umzugehen und gesellschaftliche Zusammenhänge über eine kritische Betrachtung von Sprache und deren Gebrauch zu erfassen und gesellschaftlich zugänglich zu machen, denn, auch wenn ‚Gemeintes‘ nicht unmittelbar als ‚ Verstandenes‘ ankommt, bleibt die konstituierende Macht der Sprache bestehen. Um sich einer fairen, inklusiven Sprache anzunähern, erscheint es relevant, sich der Bedeutung und Macht der Sprache selbst einerseits bewusst zu werden und sich theoretisch reflexiv anzunähern und andererseits die in Sprache gegossenen gesellschaftlichen Zusammenhänge kritisch zu diskutieren.

Kraft und Macht der Sprache

Sprache ist allgegenwärtig und dient als Schlüssel des Welt-Selbst-Bezugs und damit ebenso als Schnittstelle vom Ich zum Du. Sie taucht dabei in vielfältiger Weise als Kommunikationscode auf, der eng verknüpft ist mit dem Denken der sprechenden Person, zugleich aber auch mit der Person, auf die der Code trifft, die diesen durch Sprechen hört, durch das Lesen wahrnimmt etc. Die Kommunikationswissenschaft verweis zudem auf die Tatsache, dass nicht nur Sprache und Denken verschränkt sind, sondern auch Handeln (Wehling 2006). Damit materialisiert sich Sprache im Denken und Handeln in einem interdependenten und reziproken Prozess. Sprache schafft Wirklichkeit und wirkt zugleich auf das Denken und die Wahrnehmung der Welt zurück. In der Zauberformel Abrakadabra kommt dieser Zusammenhang sinnbildlich zum Ausdruck. William Isaacs (2002, S. 141) erläutert, dass diese Sprachformel aus dem antiken Aramäisch, in seiner Bedeutung so viel heißt wie „Ich schaffe, während ich spreche“ – was metaphorisch in der Zauberkunst auch passiert.

Die Sprachwissenschaft beschäftigt sich schon lange mit dieser Verbindung zwischen Sprache und Denken und diskutiert hier den linguistischen Konstruktivismus und den Realismus (Gardt 2018). Zusammengefasst und pointiert kann man sagen: Es geht um die Frage, ob die Dinge der Welt durch die Benennung erst hervorgebracht werden, oder ob sie eine vorsprachliche Existenz haben, also dem Subjekt vorgelagert sind (ebd. S. 16). Liegt die Welt also überhaupt objektiv vor, oder wird sie durch Sprache erst hervorgebracht und damit subjektive konnotiert. In dieser Gegenüberstellung wird deutlich, wieviel Macht der Sprache im Kontext von Welt- und Selbstdeutung zukommen kann.

Wilhelm von Humboldt stellt in seinen Sprachanalysen fest: „So liegt in jeder Sprache eine eigentümliche Weltansicht. Wie der einzelne Laut zwischen den Gegenstand und den Menschen, so tritt die ganze Sprache zwischen ihn und die innerlich und äußerlich auf ihn einwirkende Natur. Er umgibt sich mit einer Welt von Lauten, um die Welt von Gegenständen in sich aufzunehmen und zu bearbeiten. […] Der Mensch lebt mit den Gegenständen […], da Empfinden und Handeln in ihm von seinen Vorstellungen abhängen, sogar ausschließlich so, wie die Sprache sie ihm zuführt“ (Humboldt 1836/2008, S. 335). Andreas Gardt (2018) sieht in diesen Ausführungen die ersten linguistisch-konstruktivistischen Tendenzen einer „sprachliche[n] Gebundenheit des Weltzugangs und der wirklichkeitskonstituierenden Kraft der Sprache“ (Gardt 2018, S. 1). Ludwig Wittgenstein resümiert, dass wir das Medium Sprache kaum wahrnehmen, weil sie uns von Kindesbeinen an einverleibt ist. Sprache lernt der Mensch von klein auf über die Auseinandersetzung mit dem vorerst „Fremden“, welches er sich durch sprachliche Erfassung zu eigen macht. Wittgenstein plädiert dafür, dass wir über Sprache nachdenken müssen und erläutert in den Philosophischen Untersuchungen (Wittgenstein & Anscombe 1998/1953), es gäbe kein eines, ewiges Wesen der Dinge. Es gehe eher darum, wie wir Dinge über Sprache gebrauchen. Humboldt und Wittgenstein diskutieren so bereits früh den Zusammenhang von Sprache und Denken sowie die Frage, inwiefern der Gebrauch der Wörter Vorstellungen von deren Bedeutung prägen würde. „Sprache öffnet uns die Welt und grenzt sie ein – im gleichen Moment“ (Gümüşay 2020, S. 13). In ihrem Werk „Sprache und Sein“ illustriert Kübra Gümüşay (2020), dass Sprache über die Benennung von Dingen, Sachverhalten auch Wahrnehmungen herstelle und diese zugleich festhalten und in ein sprachliches Korsett stecken würde – welches reflexiv über sprachliche Differenzierungen gedehnt, angepasst, verändert werden könne. In der Auseinandersetzung mit kultureller und sprachlicher Vielfalt zeigt Gümüşay zudem, dass in unterschiedlichen Sprachen unterschiedliche Dinge ausgedrückt werden können, aber dass Worte in ihrer sprachlichen Bedeutung ebenso begrenzt sind.

Sprachwissenschaftlich scheint demnach eher die konstruierende Sicht auf Sprache relevant und für vielerlei gesellschaftliche Zusammenhänge bedeutsam. Sprache bringt eine bestimmte Wirklichkeit hervor, die eine ganze Kultur und Gesellschaft prägen kann, „indem die Sprache kein einfacher Spiegel der Wirklichkeit ist, sondern eine Perspektive auf sie bietet, wird unser Bild von der Welt durch sie geleitet“ (Gardt 2018, S. 13). Wie wir über Dinge sprechen, zeigt damit auch, wie wir Dinge sehen bzw. meinen zu verstehen. Hier schließt sich der Kreis zur Reflexion Winkelmanns, dass bestimmte Sprachcodes spezifischen gesellschaftlichen Akteur*innen eigen sind. Die aufgeworfene Frage dabei ist, inwiefern diese Sprachcodes bestimmte Setzungen transportieren, manifest sind und dennoch zugänglich sein sollten für einen diskursiven Aushandlungsprozess in und für eine heterogene[n] und diverse[n] Gesellschaft[2].

Wie Sprache Realität zu schaffen sucht

Auf dem politischen Parkett lässt sich die Kopplung von Sprache, Denken und Handeln nachzeichnen, in dem Sprachcodes spezifische Bedeutungen suggerieren und in den Köpfen einer Bevölkerung dadurch implizit bestimmte Vorstellungen wachrufen [sollen]. Wenn beispielsweise Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) Franziska Giffey über sprachliche Setzungen ihrer Gesetzesentwürfe als eine Politik von Förderung und Stärkung von Familien, Kindern und Jugendlichen charakterisiert und so u.a. programmatische Titel nutzt wie das „Starke-Familien-Gesetz“, das „Gute-Kita-Gesetz“ oder jüngst den Referent*innenentwurf als „Kinder- und Jugendstärkungsgesetz (KJSG)“ betitelt. Ob sich diese dann inhaltlich an ihren Überschriften messen lassen können, wird aktuell v.a. an letzterem diskutiert[3].

Auch im Zuge der Thematik um Menschen auf der Flucht werden Sprachkonstruktionen gewählt, die einer fairen, inklusiven Sprache kaum Rechnung tragen können. Die Kognitionswissenschaftlerin Elisabeth Wehling (2016) hat diesbezüglich beispielsweise herausgearbeitet, dass die Begriffe „Flüchtlingswelle“ oder „Flüchtlingsstrom“ im medialen und politischen Diskurs mit einer Wassersemantik verknüpft sind. Unaufhaltsame Wassermassen rufen dabei keine emotionalen Zuwendungen wie Mitgefühl hervor, sondern verängstigen, machen machtlos und es werden Dämme errichtet, wenn Ströme oder Wellen drohen, ein Gebiet zu fluten. Das Abrufen bestimmter Vorstellungen und daraus mögliche resultierende Handlungen zeigen sich auch im Wort ‚Flüchtling‘. Es handelt sich scheinbar ausschließlich um Männer, die sprachlich über das Ableitungssuffix – ling – durch eine einzelne spezifische Eigenschaft vollständig charakterisiert werden – nämlich ihre Flucht. In Wahrheit sind es Menschen, Väter, Mütter, Kinder, mit erlernten oder studierten Berufen usw. … (Gesellschaft für Deutsche Sprache 2015). „Ein Wort ist nie ‚nur ein Wort‘. Jedes Wort hat Wirkung. Menschen verändern sich durch die Worte, mit denen wir sie beschreiben“ (Gümüşay 2020, S. 103). Dass Sprache, Denken und Handeln in einem interdependenten und reziproken Prozess stehen, lässt sich hier gut ableiten.

Gleiches gilt für die vielfach diskutierte Adressierungspraxis von männlich oder weiblich, die Winkelmann in ihrem Artikel ebenfalls mit dem Hinweis diskutiert, dass Frauen der neueren Bundesländer nicht Traktoristin oder Dreherin genannt werden wöllten, sondern sich als Traktoristen und Dreher verstehen. „Die weibliche Endung ‚-in‘ schien ihnen ein Rückschritt in westdeutsche Verhältnisse, in denen Frauen der Illusion anhingen, durch sprachliche Betonung des Weiblichseins ihre offensichtliche Unterlegenheit kompensieren zu können“ und war für sie so sprachliche Reproduktion fehlender Emanzipation. Wenn, so die Argumentation, über ein generisches Maskulinum alle adressiert seien und es scheinbar nicht um das Geschlecht, sondern um die Tätigkeit gehen würde, wäre es durchaus denkbar, ein generisches Femininum zu nutzen (Gümüşay 2020). In diesem Sinne legte Christine Lambrecht, Bundesjustizministerin, im Herbst 2020 einen Gesetzesentwurf vor. Die Süddeutsche Zeitung untertitelte den Umgang damit am 12.Oktober 2020 folgendermaßen: „Das Justizministerium verfasst einen Gesetzentwurf komplett im generischen Femininum und ruft heftige Reaktionen hervor: Das Innenministerium stuft ihn sogar als ‚möglicherweise verfassungswidrig‘ ein.“ (Bergmann/SZ 12.10.2020). Interessant in dieser Debatte ist allerdings, dass wir es im generischen Maskulinum und Femininum mit einer Binarität der Geschlechter zu tun haben, die das weite Feld nicht abbildet und daher nutzen und diskutieren wir immer wieder, wie eine korrekte Schreib- und Sprechweise alle adressiert, ob über Gender Gap, Gender * oder Gender : . Lann Hornscheidt und Lio Oppenländer (2019) diskutieren hier u.a. die Re-produktion von Ungleichheiten in der Sprache und in der Gesellschaft und plädiert dafür, den „Genderismus“ aufzugeben und den Menschen zu sehen und zu benennen, denn er ist mehr als sein Geschlecht.

Diese eher allgemeinen Reflexionen über Sprache und die Herstellung von Wirklichkeiten sollen folgend auf die Handlungsfelder der Sozialen Arbeit transferiert werden und hier am Thema der Bezeichnung des ‚sozialpädagogischen Gegenübers‘ ausbuchstabiert werden. Dabei wird das Ziel verfolgt, auf die Bedeutung von Sprache und die Bezeichnung von Dingen aufmerksam zu machen, um letztlich sprachsensibel damit umzugehen.

Sprache in der Sozialen Arbeit – ein Blick auf das ‚sozialpädagogische Gegenüber‘

Soziale Arbeit als breites Handlungsfeld, in dem Menschen mit Menschen arbeiten, sich für diese und deren Belange einsetzen, sie unterstützen, herausfordern und in vielfältiger Weise begleiten, Bildungsprozesse anregen uvm. ist auch ein Feld, in dem Sprache als Kommunikationsmittel entscheidend ist. Die vielfältigen Prozesse, in denen sozialarbeitende Fachkräfte eingebunden sind, fokussieren den Menschen, je nach dessen eingeforderten oder antizipierten Bedürfnissen, innerhalb der Gemengelage des doppelten Mandats zwischen Hilfe und Kontrolle im Kontext der eigenständigen, disziplinären Professionalität.

Leonie Wagner (2017) diskutiert in diesem Zusammenhang einige wesentliche Perspektiven, die mit der Bezeichnung und dahinterstehenden Adressierungspraxis des ‚sozialpädagogischen Gegenübers‘ einhergehen und eine Gemengelage offenkundig werden lassen, die an die Verschränkung von sprachlicher Benennung, Denken und Handeln anknüpfen. Sie entspringen dabei „unterschiedlichen zeitlichen und fachlichen Kontexten“ und repräsentieren immer auch verschiedene „Professions- bzw. Disziplindiskurse vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Entwicklungen und Einschätzungen“ (Wagner 2017, S. 6). Im Sinne Winkelmanns ist demnach nicht nur die Sprache an sich zu reflektieren, sondern darüber hinaus, inwiefern Bezeichnungen und damit sprachliche Setzungen als Gemeintes beim Gegenüber ankommen respektive inwiefern diese beiden Perspektiven tatsächlich aufeinanderfallen. So erörtert Wagner u.a. die häufig auch international in der Sozialen Arbeit gebrauchte Bezeichnung des*der Klient*in. Rekurrierend auf diese als Rechtsbegriff ist sie mit entmündigenden, paternalistischen und defizitorientierten Zusammenhängen zu reflektieren. „Klient_innen werden als Personen konzipiert, die professionelle Hilfe benötigen, um ihre Probleme zu bewältigen. Die Professionellen haben demgegenüber eine problem- und lösungsorientierende Expert_innen- und Machtposition“ (Wagner 2017, S. 6). Mittlerweile ist zudem von einem Begriffsimport aus der Psychologie und Beratung auszugehen, der damit Klient*innen in der Sozialen Arbeit zugleich zu Symptomträger*innen macht. Soziale Arbeit bedeutet dann, die Behandlung durch Expert*innen. Diese über die Bezeichnung implementierten Rollenzuweisungen „und das damit intendierte Verhältnis“, aber auch die „Entmündigung derjenigen, die Soziale Arbeit in Anspruch nehmen“ wurde innerhalb „einer stärker an gesellschaftspolitischen Fragen interessierten Sozialen Arbeit“ kritisch reflektiert und „ein anderer Begriff präferiert“ worden (Wagner 2017, S. 6). So habe sich Ende der 1960er Jahre die Bezeichnung der „Betroffenen“ etabliert. „Betroffene waren diejenigen, die eine bestimmte soziale Situation erfahren hatten und dadurch als Expert_innen ihrer Situation zu deren Veränderung maßgeblich beitragen bzw. in einem kollektiven Prozess an der Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen (mit-) arbeiten sollten. Kritisiert wurde damit eine individualisierende Sicht auf diejenigen, die Soziale Arbeit in Anspruch nehmen, in der die gesellschaftlichen Verhältnisse ausgeblendet oder als unbedeutend eingeschätzt wurden“ (Wagner 2017, S. 7). Diese Bezeichnung versetzt das ‚sozialpädagogische Gegenüber‘ in eine eher passive Rolle, ohne dabei gesellschaftliche Zusammenhänge faktisch im Kern kritisch und nachhaltig zu thematisieren. In der Bezeichnung als Betroffene werden implizit gesellschaftliche Verhältnisse zuweilen vage, unterkomplex und nicht als eine aktive Setzung konstruiert, sondern überdies sogar individualisiert. Heute, so Wagner, scheinen „unter ‚Betroffenen‘ häufig lediglich diejenigen verstanden [zu] werden, die ‚Opfer‘ (oder Leidtragende) einer bestimmten Situation oder sozialen Lage sind“ (Wagner 2017, S. 7), ohne eben diese soziale Lage konkret gesellschaftspolitisch kritisch in den Blick zu nehmen. Andere Benennungsstrategien des ‚sozialpädagogischen Gegenübers‘ rekurrieren auf die Angebotsstrukturen Sozialer Arbeit beispielsweise im Zusammenhang einer sozialpädagogischen Bildungsarbeit, in der sich die Bezeichnung des*der Adressat*in etabliert hat. Er entstammt, so Wagner, aus „der alltags- und später lebensweltorientierten Sozialen Arbeit“ (Wagner 2017, S. 7) der 1970er Jahre und versucht die Kritik aufzunehmen, dass es sich nicht um ein expertokratisches Machtgefälle handelt (wie noch der zuvor präferierte Klient*innenbegriffe suggeriert). Zugleich ist er bemüht, eine kritische Distanz zu den eigenen Angeboten einzunehmen (vgl. ebd.). Es geht hier stärker um den Eigensinn des ‚sozialpädagogischen Gegenübers‘ und die „subjektive Aneignung von Angeboten und Maßnahmen“ (ebd.). Zugleich impliziert er die Begrenzung des Angebotes und räumt die Zustimmungsnotwendigkeit der adressierten Subjekte ein. Doch der Begriff birgt ebenfalls Gefahren, denn er ist nicht einfach zu bestimmen, ist ihm zumindest die Zielgruppenperspektive inhärent, die nicht immer treffsicher das meint, was mit sozialpädagogischer Praxis adressiert wird. Zugleich suggeriert er ein „funktionales Verständnis von Passung“ (Bitzan & Bolay 2013, S. 40). Demnach ist der Adressat*innenbegriff auszubuchstabieren (Graßhoff 2015) beispielsweise hinsichtlich der dahinterliegenden sozialpädagogischen Institution, der professionellen Perspektive und Handlungsweisen, bezogen auf das spezifische Handlungsfeld und die Lebenswelten der Adressat*innen ebenso, wie in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext. Diesbezüglich wird vorgeschlagen, den Adressat*innenbegriff als „relationale Kategorie“ (Bitzan & Bolay 2013, S. 39ff.) zu fassen und hier eben auch das Subjektverständnis und die institutionell-sozialpolitische Strukturiertheit der Sozialen Arbeit zu reflektieren (vgl. ebd. S. 48).

In den oben skizzierten Bezeichnungen zeigt sich nicht nur eine Uneinigkeit darüber, wie die Menschen benannt werden (sollen), die innerhalb Sozialer Arbeit als ‚Gegenüber‘ adressiert werden, sondern auch, welche differenten theoretischen und empirischen Annahmen von Sozialer Arbeit, von Gesellschaft und Individuen damit einhergehen, die sich zugleich über Sprache in spezifische Vorstellungen über die Strukturen von Hilfe, Unterstützung und Begleitung versinnbildlichen. Fokussiert werden über eine sprachliche Setzung damit zudem bestimmte Rollen, antizipierte Erwartungen und Positionierungen. Damit zeigt sich, dass ein Projekt einer fairen, inklusiven Sprache auch und insbesondere für sozialarbeiterische Zusammenhänge beispielsweise im Kontext der Benennung des ‚sozialpädagogischen Gegenübers‘ kritisch zu diskutieren ist. Wie sich diese Personen im Kontext der Angebote der Sozialen Arbeit selbst benennen würden, ist derzeit noch eine Leerstelle, wäre aber im Kontext professionellen Handelns und in der Reflexion von Sprache, Handlungsoptionen und Erwartungshorizonten sicher aufschlussreich.

Ein offenes Fazit: Sprache als Projekt

Gümüşay resümiert pointiert: „Wir müssen uns mit der Architektur der Sprache beschäftigen, die unsere Realität erfassen soll. Damit wir aussprechen können, was ist. Damit wir sein können, wer wir sind. Damit wir sehen können, wer die jeweils anderen sind“ (Gümüşay 2020, S. 21). In dieser Perspektive kann dann das Projekt einer fairen und inklusiven Sprache als Versuch gesehen werden, der Diversität einer Gesellschaft sprachlich und eben auch in der Verbindung von Denken und Handeln gerecht zu werden. Im Sinne Wittgensteins ist dann zugleich die Perspektive zu wechseln – die eigene Sprache von einem anderen Standpunkt aus zu betrachten und aus anderen Augen zu sehen zu versuchen, damit ‚Gesagtes‘ zu ‚Gemeintem‘ werden kann. In der Sozialen Arbeit, also in den Handlungsfeldern, die in vielfältiger Weise mit Menschen zu tun haben, ist Sprache in diesem Sinne immer auch ein Verstehensprozess der einen Perspektivwechsel notwendig macht. Sprache als Projekt fordert nicht nur diesen Perspektivwechsel, sondern ebenso die Reflexion des eigenen (Sprach-)Standpunktes und Winkelmann ist letztlich zuzustimmen: Sprache muss fluide bleiben, um keinen manifesten Denk- und Handlungsmustern aufzusitzen.

Bergmann, J. (2020). Besser keine “Geschäftsführerin” oder “Schuldnerin”. Süddeutsche Zeitung. https://www.sueddeutsche.de/politik/gesetzesentwurf-gendern-generisches-femininum-1.5064169 Zugegriffen: 3. Dezember 2020.

Bitzan, M. & Bolay, E. (2013). Konturen eines kritischen Adressatenbegriffs. In G. Graßhoff (Hrsg.), Adressaten, Nutzer, Agency. Akteursbezogene Forschungsperspektiven in der sozialen Arbeit (S. 35–52). Wiesbaden: Springer VS.

Gesellschaft für Deutsche Sprache. (2015). GfdS wählt »Flüchtlinge« zum Wort des Jahres 2015. https://gfds.de/wort-des-jahres-2015/. [Zugriff: 03.12.2020].

Graßhoff, G. (2015). Adressatinnen und Adressaten der Sozialen Arbeit. Eine Einführung. Wiesbaden: Springer VS.

Gümüsay, K. (2020). Sprache und Sein. Berlin: Hanser.

Hornscheidt, L. & Oppenländer, L. (2019). Exit Gender. Berlin: w_orten & meer.

Gardt, A. (2018). Wort und Welt. Konstruktivismus und Realismus in der Sprachtheorie. In A. Gardt & E. Felder (Hrsg.), Wirklichkeit oder Konstruktion? Sprachtheoretische und interdisziplinäre Aspekte einer brisanten Alternative (S. 1–44). Berlin: De Gruyter.

Humboldt, W. von. (2008). Schriften zur Sprache. Frankfurt, M.: Zweitausendeins.

Isaacs, W. (2002). Dialog als Kunst gemeinsam zu denken. Die neue Kommunikationskultur in Organisationen (EHP-Organisation). Bergisch Gladbach: EHP.

Wagner, L. (2017). Who is who? Klient_in, Betroffene, Adressat_in, Nutzer_in… Über einige Begriffe und ihre Bedeutung. Sozial Extra 41 (3), 6–10.

Wehling, E. (2016). Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht. Köln: Herbert von Halem Verlag.

Winkelmann, U. (2021). Sprachkritik darf kein Elitenprojekt sein. taz Ausgabe 6./7. Februar 2021, S. 31.

Wittgenstein, L. & Anscombe, G. E. M. (1998/1953). Philosophical investigations. Philosophische Untersuchungen (2nd ed., repr). Cambridge, Mass.: Blackwell.


[1] Zitate ohne Quellenangaben beziehen sich auf den besagten taz Artikel der Ausgabe 6./7. Februar 2021, S. 31.

[2] Umgekehrt kann Sprache auch genutzt werden, um bestimmte ablehnende und diskriminierende Narrative zu reproduzieren und deren Plausibilität rhetorisch zu vermitteln: https://www.ites-werkstatt.de/queerfeindlichenarrative/

[3] S. hierzu die Analyse von Werner Thole und Svenja Marks: https://www.ites-werkstatt.de/kinder-und-jugendliche-staerken-ohne-ihre-selbstbestimmung-zu-akzeptieren-geht-nicht/

Autor*innen-Profil

Dr. Ina Kaul ist
Gastprofessorin der Universität Kassel im FB01 I Institut für Sozialwesen für das Fachgebiet Theorie, Organisation und Praxis der Kinder- und Jugendhilfe.
Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind: Handlungsfelder der Kindheitspädagogik I Bildung I Biographieforschung I Professionalisierung I Didaktik sozialpädagogischer Handlungsfelder.

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