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Wie weiter mit der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der Sozialpädagogik? Ein Aufruf zu Solidarisierung und kritisch-reflexiver Weiterarbeit

Ende Februar 2024 wurde mit der Veröffentlichung des Berichts zum „Wirken von Helmut Kentler in der Kinder- und Jugendhilfe“ im Kontext des Landesjugendamts Berlin von Meike Sophia Baader und Kolleg*innen[1] im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung eine wichtige Forschungsarbeit vorgelegt, die nicht nur dokumentiert, dass sexualisierte Gewalt und Übergriffe durch Machtmissbrauch an Kindern und Jugendlichen im Zuge der Heimreform unter progressiven Vorzeichen möglich wurden, sondern auch, welche Verquickungen diesbezüglich mit Akteur*innen und Standorten der akademischen und praktischen Sozialpädagogik existierten, auch über Helmut Kentler und Gerold Becker (ehemaliger Leiter der Odenwaldschule) hinaus. In den 1970er bis 1980er Jahren führte Helmut Kentler ein sogenanntes ‚pädosexuelles Experiment‘ durch, in dem Jugendliche zu erwachsenen pädosexuellen Männern in Obhut gegeben wurden „in dem Bewusstsein und geradezu mit der Intention […], dass es sexuelle ‚Kontakte‘ zwischen den jungen Menschen und den erwachsenen Männern geben würde“ (Baader et al. 2024, 7). Nach einem ersten Bericht, der stärker auf die Person Helmut Kentler ausgerichtet war, bezieht der aktuelle Bericht die Deutungen der Betroffenen ein, zeigt aber auch Netzwerkstrukturen auf, in die zentrale Akteur*innen der Sozialpädagogik der 1970er und 1980er Jahre involviert waren. Seitdem sind Teile der Disziplin in Aufruhr und es stellen sich vielfältige Fragen – allen voran wird die Frage zu diskutieren sein, wie dies möglich werden konnte?

Als Vorstand und Blogredaktion des ITES möchten wir hiermit an erster Stelle unsere Anteilnahme ausdrücken mit denjenigen, die im Kontext sozialpädagogischer Institutionen und durch Mitwisserschaft und Mitwirkung von sozialpädagogischen Akteur*innen, sexualisierte Gewalt und Übergriffe erfahren haben respektive noch immer erfahren. Wir erkennen das erfahrene Leid aller Menschen, die sexualisierte Gewalt, Übergriffe und Grenzverletzungen in pädagogischen Institutionen erfahren haben an und verurteilen dies, insbesondere die vermeintliche Legitimierung durch theoretische und konzeptionelle pädagogische Ideen, zutiefst.

Wir drücken zudem unsere Solidarität mit den Autor*innen des Berichts aus, die seit der Veröffentlichung direkt und indirekt mit Diffamierungen und Anfeindungen konfrontiert wurden. Ein Forschungsbericht kann und soll wissenschaftlich diskutiert werden. In dieser Diskussion darf über die Methoden, Argumentationen und Schlussfolgerungen gestritten werden. Persönliche Angriffe haben mit Wissenschaft allerdings nichts zu tun. Sie verunmöglichen eine Diskussion über den Bericht. Sofern dies die Intention derjenigen ist, die aktuell die Autor*innen anfeinden, sehen wir die Disziplin in der Verantwortung, dem entschieden entgegenzutreten.

Wir nehmen den Auftrag, den die Studie implizit formuliert, als sich in der Sozialpädagogik verortende Wissenschaftler*innen mit: Wir alle sollten der Frage nachgehen, wie überhaupt derartige Grenzverletzungen möglich wurden und werden; wieso die Kritik an solchen „Experimenten“ nicht gehört oder anerkannt wurde und wird. Wir alle sollten weiterhin kritisch Macht- und Herrschaftsverhältnisse auch innerhalb der Disziplin infrage stellen: sowohl in Bezug auf theoretische, teils sehr weit verbreitete Ideen, als auch den Status von Personen als Koryphäen, die dann scheinbar frei von Kritik sind. Dazu ist nicht nur eine kritisch-reflexive Haltung einzunehmen, sondern auch an ein Wissenschaftsverständnis zu erinnern, welches davon ausgeht, dass Positionierungen zu bestimmten Themen sich ändern können. Dabei sollte und muss es legitim sein, unter Berücksichtigung neuer Wissensbestände bisherige Positionen neu zu bewerten und differenziert einzuordnen, auch wenn diese bisher als legitim angesehen wurden.


[1] Meike Sophia Baader, Nastassia Böttcher, Carolin Ehlke, Carolin Oppermann, Julia Schröder und Wolfgang Schröer

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