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Netzwerkgestaltung in Kindertageseinrichtungen mit Fokus auf inklusive Begabungs- und Begabtenförderung

„Früher dachte man, die Erde sei eine Scheibe, dann eine Kugel,
heute scheint sie zum Netz(-werk) zu werden.“

(Straus 2001, S. 277)

Kindertageseinrichtungen verfügen über ein Geflecht an sozialen Beziehungen zu ganz verschiedenen Akteur*innen im Innen und Außen der Einrichtung. Mit Dorothea Jansen (2006) ist damit ein konkretes Netzwerk einer Einrichtung gemeint, das im gesellschaftlichen und fachwissenschaftlichen Konsens (u.a. Kobelt Neuhaus/Refle 2013, Seckinger 2010, Bleckmann/Schmidt 2012) zunehmend als Handlungs- und Steuerungsstrategie in der frühkindlichen Bildung angesehen wird (Töpfer/Cloos 2022). Indem Einrichtungen der frühen Bildung, Erziehung und Betreuung dieses Netzwerk aufbauen, die dort geknüpften Beziehungen pflegen, aufrechterhalten und ggf. wieder abbauen, kann von einer sogenannten Netzwerkarbeit gesprochen werden. Es handelt sich damit um eine konkrete Strategie der Gestaltung von Kooperations- und Arbeitsbeziehungen im Kontext von Organisationsentwicklung.

Der Karg Campus Kita Niedersachsen

Aktuell unterstützt und finanziert die Karg-Stiftung ausgewählte Kindertageseinrichtungen in Niedersachsen dabei, sich zu Konsultationseinrichtungen für Kinder mit Hochbegabung zu entwickeln und gleichzeitig ihre Netzwerke weiter auszubauen. Das Projekt Karg Campus Kita Niedersachsen der Karg-Stiftung möchte in Zusammenarbeit mit dem Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe) Kindertageseinrichtungen „zu Orten inklusiver und vielfaltsorientierter Begabungsförderung entwickeln“. Es setzt sich als Ziel „Kita-Kinder und ihre (Hoch-)Begabungen unabhängig von ihrer individuellen, sozialen oder kulturellen Herkunft zu fördern. Bestehende Benachteiligungen sollen damit abgebaut und mehr Bildungsgerechtigkeit erreicht werden.“ Begabung und Hochbegabung werden folglich in Karg Campus Kita Niedersachsen als individuelles Potential betrachtet, welches im Kontext einer inklusiven Bildung auch in Kitas besondere Berücksichtigung finden sollte. Eine Nicht-Berücksichtigung von benachteiligten Gruppen in der frühen Begabtenförderung kann zu einer doppelten Benachteiligung führen (Mähler et al. 2023). Zudem soll ein Netzwerk an Kindertageseinrichtungen aufgebaut werden, um damit einen Beitrag zu einer weiteren „Verbesserung der Kooperationsstrukturen in der Frühpädagogik in Niedersachsen“ zu leisten. Ganz im Sinne der Organisationsentwicklung werden acht Einrichtungen und ihre Teams über mehrere Jahre über Fortbildungen, intensiver Prozessbegleitung und durch Maßnahmen der Vernetzung unterstützt und gefördert.

Netz-In: Netzwerke neu denken?

Das Projekt Netz-In (Netzwerke zur Intensivierung inklusiver und vielfaltsorientierter Begabungs- und Begabtenförderung in Niedersachsen) wird von der Karg-Stiftung finanziert und am ITES durchgeführt. Der Komponente Vernetzung wird für eine inklusive und vielfaltsorientierte Begabungs- und Begabtenförderung in Kindertageseinrichtungen eine besondere Bedeutung zugesprochen. Daher werden in Netz-In in einem Längsschnitt über fünf Jahre zwei Fragen in den Mittelpunkt der Untersuchungen gestellt: Welche Formen der Vernetzung werden in den beteiligten Kindertageseinrichtungen durch das Projekt Karg Campus Kita Niedersachsen angeregt? Und: Wie können die Dynamik dieser Vernetzung einrichtungsspezifisch wie einrichtungsübergreifend beschrieben werden? Es geht dabei unter anderem darum, mit welchen Akteur*innen Beziehungen bereits geknüpft wurden, welche Beziehungen für die Begabungs- und Begabtenförderung nun neu dazu kommen oder wie sich eventuell bestehende Kooperationen verändern.

Auf diese Weise begegnet das Projekt Netz-In der bestehenden Forschungslücke zur Vernetzung im Bereich der Begabungs- und Begabtenförderung in der frühkindlichen Bildung und nutzt mit der Analyse von Netzwerkkarten und Interviews ein hoch innovatives Instrument zur Erhebung und Auswertung der Daten.

Was ist das Ergebnis?

Aktuell ist die erste von drei Erhebungswellen abgeschlossen und die Auswertung dieses Datenmaterials hat begonnen. Insgesamt liegen acht Transkripte von problemzentrierten Interviews (Witzel 2000) mit den jeweiligen Leitungen der Einrichtungen sowie den dazugehörigen Netzwerkkarten (Schauwecker 2008, Töpfer 2022) zur Analyse vor. Die Daten wurden zu Beginn des Projekts Karg Campus Kita Niedersachsen erhoben und zeichnen die Ausgangslage der teilnehmenden Einrichtungen hinsichtlich ihrer Vernetzung mit anderen Akteur*innen nach. Die Kita-Leitungen erzählten dabei davon, mit wem sie wie und wozu zusammenarbeiten und in welche sozialen Strukturen ihre Einrichtung eingebettet ist. Die ersten vergleichenden Analysen zeigen eine große Vielfalt an Vernetzungsanliegen und Vernetzungsmodi der einzelnen Einrichtungen. Während Vernetzungsanliegen das konkrete, mitunter auch implizite Ziel für die Beziehung beschreibt, fokussieren die Vernetzungsmodi auf die Art und Weise, wie sich vernetzt wird. Für uns bedeutet dies, die Beziehung von Vernetzung zu Rahmenbedingungen und Ressourcen sowie organisationskulturellen Leitbildern und Strategien zu analysieren sowie die Entwicklungspotenziale in Bezug auf die Vernetzung in der frühen inklusiven Begabungs- und Begabtenförderung zu visionieren.

Wir sind nun gespannt auf die weiteren vergleichenden Analysen der Daten aus dieser ersten Erhebungswelle, deren Ergebnisse im Frühsommer 2023 der Karg-Stiftung zur Verfügung gestellt werden. Damit ist ein erster größerer Meilenstein des Netz-In-Projektes erreicht. Das innovative Potential der auf Netzwerkkarten basierenden Erhebungen wollen wir im Anschluss daran weiterhin nutzen: Um die Dynamik sich potenziell verändernder Netzwerke zu erfassen, werden in den nächsten Jahren je zwei weitere Interviews mit den acht Kindertageseinrichtungen geführt, die längsschnittlich tiefere Analysen der Prozesse und Veränderungen ermöglichen.  

Literatur

Bleckmann, P./Schmidt, V. (2012): Bildungslandschaften. Mehr Chancen für alle. Wiesbaden: VS

Jansen, D. (2006): Einführung in die Netzwerkanalyse: Grundlagen, Methoden, Forschungsbeispiele. Wiesbaden: VS.

Kobelt Neuhaus, D./Refle, G. (2013): Inklusive Vernetzung von Kindertageseinrichtung und Sozialraum. Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte. WiFF Expertisen, Band 37. München: DJI.

Mähler, C./Cloos, P./Schuchardt, K./Zehbe, K. (2023): Hochbegabung und soziale Ungleichheit in der frühen Kindheit. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.

Schauwecker, P. (2008). Unternehmen als Akteure egozentrierter Netzwerke. In: Stegbauer, C. (Hrsg.): Netzwerkanalyse und Netzwerktheorie. Ein neues Paradigma in den Sozialwissenschaften. Wiesbaden: VS, S. 517-527.

Seckinger, M. (2010): Kooperation zwischen Kindergarten und Schule: kein einfaches Unternehmen. In: Diller, A./Leu, H.R./Rauschenbach, T. (Hrsg.): Wie viel Schule verträgt der Kindergarten. Annäherung zweier Lebenswelten. München: DJI, S. 201-213.

Straus, F. (2001): Netzwerkanalyse. In: Keupp, H./Weber, K. (Hrsg.): Grundkurs Psychologie. Reinbek: Rowohlt, S. 276–302.

Töpfer, T. (2022): Netzwerkkarteninterviews analysieren – Eine qualitative strukturale Analyse zur sozialräumlichen Vernetzung von Kindertageseinrichtungen. Fallarchiv Kindheitspädagogische Forschung 5, H. 1. https://doi.org/10.18442/falki-5-1-4.

Töpfer, T./Cloos, P. (2022): Sozialräumliche Netzwerkarbeit von Kindertageseinrichtungen. Arbeitsmaterialien für die fallorientierte Lehre. Hildesheim: Universitätsverlag Hildesheim https://doi.org/10.18442/pforle-f-5.

Witzel, A. (2000): Das problemzentrierte Interview [25 Absätze]. Forum Qualitative Sozialfor­schung/Forum: Qualitative Social Research, 1(1), Art. 22, http://nbnresolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0001228.

Autor*innen-Profil
Katja Zehbe

Katja Zehbe, Dr., vertritt die Professur für Kindheit und Sozialisation mit Schwerpunkt struktur- und prozessbezogene Steuerung an der Hochschule Neubrandenburg. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte liegen in der inklusiven Pädagogik der frühen Kindheit, der individualisierten Förderung von Kindern sowie der reflexiven und rekonstruktiven empirischen Forschung.

Autor*innen-Profil
Peter Cloos
Peter Cloos

Peter Cloos, Dr., ist Professor für Pädagogik der frühen Kindheit an der Universität Hildesheim und ist Sprecher des Kompetenzzentrums Frühe Kindheit Niedersachsen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Erziehung und Bildung in Kindertageseinrichtungen, Qualitative Forschungsmethoden (der Pädagogik der Kindheit), institutionelle und situative Übergänge im Lebenslauf und Alltag von Kindern und professionelles Handeln in Arbeitsfeldern der Pädagogik der frühen Kindheit.

Autor*innen-Profil
Jessica Prigge

Jessica Prigge ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Pädagogik an der Universität Kiel. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Pädagogik der Kindheit, Kindheitsforschung, Armut und soziale Ungleichheit und qualitative Sozialforschung.

Autor*innen-Profil
Carina Schilling

Carina, Schilling, Dr., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozial- und Organisationspädagogik an der Universität Hildesheim. Ihre Arbeit- und Forschungsschwerpunkte sind Kinder- und Jugendhilfe (insb. Arbeitsfelder der Pädagogik der frühen Kindheit und stationäre Erziehungshilfen), Leaving Care, Multiprofessionalität, Digitalität, Organisations- und Netzwerkforschung sowie qualitative Sozialforschung.

Autor*innen-Profil
Tom Töpfer

Tom Töpfer ist Soziologe und wissenschaftlicher Referent für KiTa und Bildung in der Fraktion Bündnis 90/ Die Grünen im Schleswig-Holsteinischen Landtag. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind frühkindliche Bildung, Netzwerk- und Unterstützungsforschung, Familien- und Sozialpolitik sowie qualitative Sozialforschung.

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