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Die Fußball-Weltmeisterschaft als Konsumentscheidung

Eine „Streitschrift“[1]

Zu Beginn der Fußballweltmeisterschaft (WM) in Katar und mit Blick auf das, was sie an Kritik schon lange umgibt − u.a. misogyne und homofeindliche semantische Ausfälle, menschenverachtende Arbeitsbedingungen auf den Stadionbaustellen, auf denen vornehmlich migrantische Arbeiter*innen zu Hungerlöhnen arbeiten, europäische Fußballspieler, die doch Kritik nur dann nach außen tragen, wenn dies an keinerlei Konsequenzen für sie geknüpft ist, etc. – scheint die Forderung nach einem Boykott der WM omnipräsent zu sein. So begrüßenswert die Forderungen nach einem Boykott auch sind, liefern sie doch die nötige Aufmerksamkeit für Menschenrechtsverletzungen im kleinen Golfstaat, sollte die Kritik doch zunächst schon früher ansetzen.

Warum überhaupt Katar?

So ist die Frage erst einmal nicht, warum ein Boykott politisch und moralisch vertretbar ist, sondern zunächst, warum dieser überhaupt notwendig ist. Warum findet die Fußballweltmeisterschaft in Katar statt? In einem Land, was sich noch nie für die WM qualifizierte und was bisher auch wenig Interesse an Fußball zeigte? Warum müssen olympische Winterspiele in Peking stattfinden?

Mag vielleicht bei Sportgroßereignissen einst der sportliche Wettbewerb im Fokus gestanden haben, sind es schon lange primär wirtschaftliche Interessen, die das Feld dominieren. Dies ist zunächst, leben wir doch in einer weitestgehend kapitalistisch orientierten Weltgesellschaft, nicht verwerflich und schon gar nicht verwunderlich. Auch, dass Standort-Vergabeverfahren wohl keinesfalls frei von Korruption sind, ist mittlerweile hinlänglich bekannt. Vielleicht ist auch das, angesichts größerer Herausforderungen, vor denen die Weltgesellschaft steht, mittlerweile nur am Rande problematisch.

Fußball und Wirtschaftsförderung?

Dennoch sollte eine fundierte Kritik, die Wirtschaftsbeziehungen in einer generellen Perspektive betrifft, hier ansetzen. Die Fußballweltmeisterschaft ist nicht nur als sportliches Großevent, sondern primär als ein Wirtschaftsauftrag mit immensem Kostenvolumen zu verstehen. Und warum sollten hier andere Standards angesetzt werden als für Wirtschaftsbeziehungen jenseits des Sports?

So werden aus einer Perspektive, die neoliberale Globalisierungsprozesse kritisch begleitet – und eine solche soll hier vorausgesetzt werden – Wirtschaftsbeziehungen zu autoritären Regimen schon immer problematisiert. Als Pro-Argument für eine wirtschaftliche Zusammenarbeit auch mit Ländern, in denen teilweise andere Standards vorherrschen als sie eventuell in Deutschland angesetzt werden, oder als es die, führender reicher Industrienationen sein sollten, wird immer wieder angeführt, die dortige Wirtschaft – oder vielleicht auch Infrastruktur oder das soziale Gefüge − nachhaltig zu unterstützen.

Dass dies bezogen auf Investitionen, welche die WM oder andere Sportgroßveranstaltungen betreffen, nicht in nachhaltiger Art und Weise zutrifft, zeigte sich beispielsweise an der Weltmeisterschaft in Brasilien: Finanzielle Großverdiener waren die FIFA und der Hauptsponsor Adidas, was bleibt, sind ungenutzte, moderne Arenen inmitten von Favelas, die wie Raumschiffe wirken.

Und ein wirtschaftsförderndes Element fällt bei einer WM in einem reichen Land wie Katar auch weg: Wirtschaftsförderung ist wohl das letzte, was der Stadtstaat nötig hat.

Die soziale Komponente

Bleibt die soziale Komponente. Obwohl die Zahlen der migrantischen Wanderarbeiter*innen, die auf den Baustellen der Stadien oder im Kontext der nötigen infrastrukturellen baulichen Maßnahmen ums Leben kamen, aufgrund der Intransparenz der katarischen Angaben ungenau bleiben, ist klar, dass es tausende waren. Und dass dies eine absehbare Folge war, welche die FIFA bei der Vergabe der WM an Katar billigend in Kauf nahm, bleibt unumstritten. Reicht dies nicht, eine WM dort zu boykottieren?

Falls nicht, bleibt ja noch, dass der katarische WM Botschafter Khalid Salman Homosexualität als „geistigen Schaden“ bezeichnet. Der Lesben- und Schwulenverband Deutschland forderte daher die Bundesregierung auf, diplomatische Reisen während und zur WM abzusagen und eine Reisewarnung für alle Queers auszusprechen.

Fair-Trade Schokolade, ja bitte! Aber wenn man mir den Fußball nimmt, geht das zu weit!

Natürlich ist es immer wenig sympathisch, sich moralisch überheblich zu zeigen und von einem hohen Ross aus Boykottaufrufe zu unterstützen. Und natürlich muss vielleicht immer mitgedacht werden, dass es sich eine Fußballkneipe an der Ecke nicht leisten kann, auf den Umsatz zur Zeit der WM zu verzichten. Und selbstverständlich haben breite Teile der Bevölkerung momentan mit der steigenden Inflation auch in Deutschland subjektiv betrachtet weitaus größere persönliche Probleme, als sich mit Menschenrechtsverletzungen in Katar auseinanderzusetzen.[2]

Aber es bleiben die Menschen, die auch sonst gerne im Bio-Supermarkt einkaufen und mit dem Elektroauto – oder Fahrrad − zur Arbeit fahren und die keinesfalls Produkte erwerben wollen, die durch Kinder- oder Zwangsarbeit gefertigt wurden und die gerne auch mal auf eine Demonstration für „mehr Toleranz“ gehen oder eine der vielen NGOs mit einer Spende unterstützen. Und die denken vielleicht über die Möglichkeit eines Boykottes nach – aber sich als Deutsche den Fußballspaß nehmen zu lassen, geht offenbar für viele, auch jene die sich sonst moralisch gerne weit aus dem Fenster lehnen, zu weit. So wird häufig verteidigt, dass die WM eventuell dazu führt, dass sich Katar sowohl in seinen traditionell verhafteten menschenfeindlichen Gesetzen (Homosexualität ist strafbar, dies nur als ein Beispiel) öffnet und die WM einen Anlass dazu bietet, auf diese Problematiken aufmerksam zu machen. Und schließlich hat Katar ja auch einen Mindestlohn eingeführt …

Also bleibt nur der Boykott?!

So bleibt nur ein Ausblenden der Entstehungs- und Umsetzungsbedingungen, um entspannt wie immer Fußball genießen zu können − oder eben der Boykott.

Doch das Colorwashing[3] eines Nicht-Boykottes, um so das eigene Gewissen zu beruhigen, da man nicht auf das Fußballgucken verzichten kann, ist vielleicht falsch investierte Energie, die an anderer Stelle besser aufgehoben wäre. Denn Aufmerksamkeit für die Problematiken, die mit der WM in Katar einhergehen, und so auch Futter für eine generelle Diskussion um Menschenrechte, liefern nicht die Fußballzuschauer*innen, sondern eben die Boykottbewegung. Wenn jetzt, wenn es losgeht, alle nur über Tore und Siege und Niederlagen reden, ist die mediale Aufmerksamkeit, die sich ja gerade vollkommen zurecht auf die politische Dimension des Gastgeberlandes fokussiert, wohl in eine andere Richtung konzentriert. So schafft es nur die laute Boykottbewegung, und hiermit sei wohl insbesondere auch institutionalisierter und nicht nur individueller Boykott gemeint, den politischen Diskurs aufrecht zu erhalten und damit eben auch denjenigen Respekt und Mitgefühl entgegenzubringen, die eben von offen gelebter gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit im Kontext der WM betroffen sind.


[1] Streitschrift insbesondere deswegen, da die Idee zum Beitrag entstand, da an meinem Institut an der Ruhr Universität Bochum ein WM-Tipp-Spiel organisiert wurde. So soll der Text hier wie dort zum Diskutieren und gerne auch Streiten einladen.

[2] Das heißt nicht, dass sich kritische Stimmen nur im bildungsbürgerlichen Milieu finden lassen (keinesfalls!!!!), doch kann an Menschen die nicht täglich um Existenzsicherung bangen und sich leisten können Konsumentscheidungen zu treffen, da sie auch sonst nicht immer auf die günstigste Option angewiesen sind, doch eventuell eine höherer Anspruch gestellt werden.

[3] Mit Colorwashing ist hier gemeint, dass oberflächlich kritisiert wird, bzw. behauptet wird, die WM an sich würde einen positiven politischen Impact haben. So führt es wie Pink- oder Greenwashing eben zu einem besseren Gefühl der Konsument*innen.

Autor*innen-Profil
Friederike Thole

Friederike Thole ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ruhr-Universität in Bochum.

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Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Markus

    Ein spannender Beitrag, der fast täglich fortgeführt werden könnte (Stichwort: „one love“ Armbinde). Zugleich ist zu präzisieren was „Boykott“ heißt, denn leider bezahlen wir durch die GEZ-Gebühren schon so 214 Millionen Euro an die FIFA, unabhängig davon, ob die WM geschaut wird oder eben nicht. Dies ist ein Unterschied zu anderen Formen des Boykotts. Werden T-Shirts bestimmter Bekleidungsmarken als Protest gegen die Arbeitsbedingungen in Bangladesch nicht gekauft, trifft dies die Hersteller direkt. Die FIFA bekommt aber durch TV-Vermarktung und Sponsoring ihre Einnahmen, unabhängig davon, ob Fußball geschaut wird oder nicht. Der Boykott ist so entweder sozial oder sollte und muss sich auf die Sponsoren ausdehnen, denn diese sind mit in der Verantwortung und könnten entsprechenden Druck ausüben, wenn Sie wollen. Ich sehe auch hier, (ähnlich wie beim Klimawandel), die Verantwortung bei den Unternehmen und nur bedingt bei den einzelnen Individuen.