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Bild @Ruth Hebler

Immer Ärger mit der Solidarität

Da war doch dieser Begriff, der seit März 2020 immer wieder auftauchte und sich eigentlich positiv anhörte: Solidarität.

Als ich anfing, mich damit zu beschäftigen, wurde mir dieser Begriff immer suspekter. Das habe nicht erst ich festgestellt, sondern auf die Unschärfe des Begriffs verweisen eigentlich alle, deren Texte ich dann las. Solidarität hier, Solidarität da, Solidarität überall. Google liefert mir 13 Mio. Treffer, Globalisierung erhält nur 7,5 Mio., aber immerhin toppt Klimawandel Solidarität um 3,7 Mio. Corona auch, um mehrere Billionen. Solidarität, so lässt sich feststellen, ist ein Top-Thema und am Ende scheint alles Solidarität zu sein. Und damit wird der Begriff unscharf und unbrauchbar. Mein Beitrag erhebt insofern auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ich werfe jetzt einfach ein paar Schlaglichter auf ein turbulentes Begriffspotpourri und dann schauen wir mal.

Solidarität kommt aus dem lateinischen und bedeutet soviel wie „gediegen, echt, fest“ – also solide. Sagen wir mal: Zusammenhalt.

Patrick Sachweh (2017, S 763) führt dazu im Fachlexikon Soziale Arbeit aus: „Solidarität […] bezeichnet soziale Beziehungen zwischen Akteuren, die durch ein Bewusstsein wechselseitiger Verbundenheit gekennzeichnet sind und sich in Handlungen gegenseitiger Hilfe, Kooperation und Unterstützung niederschlagen.“ Außerdem stellt Solidarität „eine wichtige Grundlage des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der sozialen Integration“ (ebd.) dar. Soweit, so einigermaßen klar. Also Beziehungen, Verbundenheit und zwar gegenseitig, wichtige Grundlage gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Solidarität in Zeiten der Corona-Pandemie…

Ich lasse jetzt mal die Geschichte des Begriffs weg und mache erstmal darauf aufmerksam, dass Solidarität sich parallel mit dem Corona-Virus enorm ausgebreitet hat. Solidarität mit den Älteren, deshalb sollten die nicht besucht und zuerst geimpft werden. Solidarität mit den Pfleger:innen, weil die über alle Maße und absolut nicht im Homeoffice rund um die Uhr versuchten, Leben zu retten. Nachbarschaftshilfe, #wir bleibenzuhause, Solidarität mit den nicht so reichen Ländern. Covax oder Covid-19 Vaccines Global Access heißt die Initiative der WHO, die dafür sorgen sollte, dass die reichen Länder die armen bei der Beschaffung von Impfstoff unterstützen – hat noch nicht geklappt. Afrika als Kontinent hat zur Zeit eine Impfquote von gerade mal 2 Prozent (September 2021). In einigen afrikanischen Ländern sind aber auch überhaupt noch keine Impfdosen angekommen … ich sagte ja, immer Ärger mit der Solidarität.

Heinz Budes 2019 veröffentlichtes Buch über „Solidarität“ trägt den Untertitel „Die Zukunft einer großen Idee“. Leicht vorstellbar, dass Heinz Bude dann in den letzten 18 Monaten wiederholt zu Pandemie und Solidarität befragt wurde. Und der war da echt optimistisch: „In einer Extremwetterlage von Sturm, Niederschlag oder Hitze oder unter der Bedingung der unaufhörlichen Mutation eines toxischen Virus bedürfen, etwas altmodisch ausgedrückt, die Menschen einander als Mitmenschen“ (Bude 2021). Bude ist der Ansicht, dass sich in der Corona-Pandemie neue Chancen für Solidarität, für die Erfahrung von Solidarität ergeben, weil das gegenseitige Verwiesensein der Menschen deutlich zutage tritt. Aber auch, weil Vulnerabilität sich neu und deutlich zeigt und das Aufeinanderachtgeben Bedeutung erlangt.

Stefan Lessenich widerspricht dem und verweist auf eine Reihe von eher „unsolidarischen“ Verhaltensweisen – ich nenne hier mal nur eine: „man denke an den Applaus für plötzlich als infrastrukturnotwendig und ‚systemrelevant‘ erkannte Berufsgruppen, die nach der Krise aber sehr wahrscheinlich mit ebenso miesen Arbeitsbedingungen und Lohnniveaus konfrontiert sein werden wie zuvor.“ (FES o.J.)

Ach ja, da war ja wieder dieser Ärger mit der Solidarität – gute Idee, aber ….

Solidarität – das ist ein weiterer zentraler und weniger positiver Diskussionsstrang – kann auch Exklusion bedeuten. Signifikant sichtbar in der Idee der nationalen Solidarität: „Deutschland den Deutschen“ – Sie kennen den Rest des Slogans.

Solidarität und Soziale Arbeit

Wie ist das aber denn nun mit der Solidarität in der Sozialen Arbeit? Ich beginne mit der Global Definition of Social Work: Solidarität kommt als Begriff darin nicht vor, aber es geht um sozialen Zusammenhalt und es geht um soziale Gerechtigkeit (IFSW 2014). Wer könnte wohl noch etwas zu Solidarität und Sozialer Arbeit gesagt haben?…Wie ich richtig vermutet hatte: Sylvia Staub-Bernasconi (1995), und dann gleich ordentlich: „Soziale Arbeit ist die einzige Profession, die – im Unterschied zu MitarbeiterInnen von Gewerkschaften, Parteien, sozialen Bewegungen usw. – ihre Verpflichtung zur Solidarität sowohl mit den Leidenden in und an der Gesellschaft als auch in und an ihrer Kultur nicht aufgeben kann, ohne ihren Berufsinhalt aufzugeben.“

Da haben wir es dann – Solidarität oder keine Soziale Arbeit. „Verpflichtung zur Solidarität mit den Leidenden“. Was Staub-Bernasconi hier meint ist, dass es nicht einfach nur um Professionalisierung um jeden Preis gehen darf, sondern dass die Adressat:innen und ihre Situation daneben ebenso relevant sind. Diese Position vertreten übrigens auch die Mitglieder des Arbeitskreises Kritische Soziale Arbeit (AKS) Dresden. Die haben schon 2013 ein Plädoyer für eine solidarische Soziale Arbeit verfasst und veröffentlicht. Auslöser waren damals die Auswirkungen neoliberaler Sozialpolitik auf die Adressat:innen. Der AKS (2013) fordert stattdessen dazu auf, die Adressat:innen ins Zentrum zu stellen und gemeinsam mit ihnen gegen die Zumutungen der neoliberalen Politik aufzustehen.

Solidarität boomt auch in der Sozialen Arbeit. Gerade erschienen ist ein Band mit dem Titel: „Solidarität in Bewegung. Neue Felder für die Soziale Arbeit“ von Marc Hill und Caroline Schmitt – beide haben auch das aktuelle Heft des Sozialmagazins kuratiert. Ähnlich wie der AKS ist auch für die meisten Autor:innen des Heftes Solidarität eine wichtige Komponente Sozialer Arbeit und zwar weil in solidarischen Beziehungen eine Utopie von Gerechtigkeit aufscheint, auf die es hinzuarbeiten gilt. Gut gefallen hat mir ein Vorschlag von Silke Gahleitner, Sandra Wesenberg und Christian Paulick (2021). Sie verstehen Solidarität als „Formen von Kooperation, gegenseitige Wertschätzung, ein Bewusstsein bzw. Handeln wechselseitiger Hilfe sowie eine moralische Hilfebeziehung, die auf Unterstützung und Beistehen ausgerichtet ist“ (ebd., S.61). Damit begreifen sie Solidarität als „Bestandteil des politisch-moralischen Mandats der Menschenrechtsprofession Soziale Arbeit“ (ebd., S.61).

Dann möchte ich noch auf eine Einlassung aus einem Doppelinterview, das Maria Lüttringhaus im Jahr 1997 mit Wolfgang Hinte und Dieter Oelschägel geführt und 2006 bei stadtteilarbeit.de veröffentlicht hat, einbringen. Die beiden haben in den 1970er Jahren Gemeinwesenarbeit in der Bundesrepublik entwickelt – aber nicht etwa zusammen. Zum Teil haben sie sich auch deutlich voneinander abgegrenzt, zum Zeitpunkt des Interviews sind sie aber altersweise und verträglich geworden, aber noch nicht ganz. Nun zu ihrem kleinen Disput über Solidarität:

„Hinte: Bei Dir habe ich Probleme mit dem programmatischen Gebrauch von Vokabeln. […] Zum Beispiel der Begriff der Solidarität, den Du so ins Zentrum rückst. Heute kommt jeder mit Solidarität an[…]: ein wehrloser Begriff, der von unglaublich vielen Leuten gebraucht wird. […] Wir sehen das täglich in unseren Projekten. Die Gemeinwesenarbeiterinnen kommen und reden naiv von Solidarität. Und dann schlagen die Obdachlosen auf die Asylanten ein und mit wem bist Du dann solidarisch? […] Diese Programmatik führt die jungen Gemeinwesenarbeiterinnen völlig in die Irre. Die kommen schulterzuckend an und fragen, mit wem soll ich denn jetzt solidarisch sein. Als Grundhaltung ist das wichtig. Aber als handlungsleitende Einstellung in der Situation, da drehen die am Rad.

Oelschlägel: Also, es könnte sein, dass ich vor 20 Jahren den Begriff Solidarität anders verwandt habe als jetzt. Ich vermute es mal, aber durch meine Biografie ist der Begriff tief verankert und ist eben nicht verloren gegangen. Ich weiß auch nicht, ob ich ein Stück auch emotional daran hänge, so dass ich mich nicht so schnell von alten Begriffen trenne. Ich wüsste jetzt nicht, warum ich Solidarität und Gerechtigkeit austauschen sollte. Ich hänge dran.“

(Lüttringhaus 2006)

Was lehrt uns das denn nun?

Klar scheint: Solidarität ist eine Haltung, ich würde es lieber eine Einstellung nennen; sie setzt sich in Praxis um und meint dann eine auf Gegenseitigkeit basierende Unterstützung, wobei es keine unmittelbare Gegenleistung geben muss. Und Solidarität ist gefährlich, wenn sie andere ausschließt und sich nur auf eine bestimmte Gruppe bezieht. Andererseits ist es in der Sozialen Arbeit auch nicht immer einfach mit der Solidarität, vor allem dann, wenn die Adressat:innen sich gar „unsolidarisch“ verhalten.

Heinz Bude macht hingegen einen weiteren Aspekt von Solidarität stark: den der gemeinsamen Interessen – also nicht infiziert werden oder dass dieser Planet noch ein paar Jahrhunderte bewohnbar bleibt. Also Menschheitsfragen, Fragen des Lebens und des Überlebens. „Niemand muss solidarisch sein, man muss nur eine Ahnung davon haben, was man verliert“ (Bude 2019, S. 33).

Und deshalb: Bleiben Sie solidarisch – Sie wissen jetzt, sonst geht die Soziale Arbeit und die Welt vor die Hunde. Und das meine ich durchaus nicht nur flapsig. Solidarität ist ein wichtiges Prinzip in dieser Gesellschaft und es ist auch eine ethisch-moralische Säule der Sozialen Arbeit. Theoretisch hat das leider noch niemand wirklich ausgearbeitet, was schade ist. Denn Solidarität scheint – hier folge ich Staub-Bernasconi – ein Prinzip zu sein, das sich quer zu Professionalisierungsfragen stellt bzw. Professionalisierung (in) der Sozialen Arbeit um eine wichtige Komponente erweitert, die der „soziale[n] Beziehungen zwischen Akteuren“ deren „wechselseitige[.] Verbundenheit“ (Sachweh 2017) – also etwas das jenseits der technizistischen Anwendung von Methoden und Theorien der Sozialen Arbeit liegt.

Literatur

Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit (AKS) Dresden (2013). Solidarische Soziale Arbeit. Diskussionspapier des Arbeitskreises Kritische Soziale Arbeit Dresden. Online: http://www.aks-muenchen.de/wp-content/uploads/Solidarische-Soziale-Arbeit-AKS-Dresden-Januar-2013.pdf (Letzter Zugriff am 22.11.2021)

Bude, Heinz (2019): Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee. München: Hanser.

Bude, Heinz (2021): „Das Ende des Neoliberalismus“. https://taz.de/Soziologe-Heinz-Bude-im-Gespraech/!5785826/ (Letzter Zugriff am 22.11.2021)

International Federation of Social Workers (IFSW) (2014). Global definition of Social Work. Online: https://www.ifsw.org/what-is-social-work/global-definition-of-social-work/ (Letzter Zugriff am 22.11.2021)

Gahleitner, Silke Brigitta, Sandra Wesenberg, & Christian Paulick (2021). (Professionelle) Beziehungen und Solidarität. Sozialmagazin, 7-8, 58-64.

Hill, Marc, & Schmitt, Caroline (Hrsg.) (2021). Solidarität in Bewegung. Neue Felder für die Soziale Arbeit. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.

Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) (o.J.). Solidarität in Zeiten der Krise. Ein Interview mit Prof. Dr. Stephan Lessenich. MuP-Interviews. www.fes.de/akademie-management-und-politik/veroeffentlichungen/mup-interviews/solidaritaet-in-zeiten-der-krise (Letzter Zugriff am 22.11.2021)

Lüttringhaus, Maria (2006). GWA – Eine Idee wächst auf vielen Feldern. Doch lasst uns die Spreu vom Weizen trennen! Ein Interview mit Dieter Oelschlägel und Wolfgang Hinte. Online: www.stadtteilarbeit.de/index.php/gemeinwesenarbeit/grundlagen/gwa-eine-idee-waechst-auf-vielen-feldern-doch-lasst-uns-die-spreu-vom (Letzter Zugriff 22.11.2021)

Sachweh, Patrick (2017). Solidarität. In Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge (Hrsg.), Fachlexikon der Sozialen Arbeit (S. 763-764). Baden Baden: Nomos.

Sozialmagazin. Die Zeitschrift für Soziale Arbeit. H. 7-8/2021: Solidarität.

Staub-Bernasconi, Silvia (1995). Systemtheorie, soziale Probleme und soziale Arbeit: lokal, national, international. Bern u.a.: Haupt Verlag.

Autor*innen-Profil
Leonie Wagner
Leonie Wagner

Leonie Wagner ist stellv. Sprecherin des ITES und Professorin für Pädagogik und Soziale Arbeit an der Fakultät Management, Soziale Arbeit, Bauen der HAWK Holzminden.

Ihre Arbeitsschwerpunkte sind

  • Geschichte und Theorien von Pädagogik und Sozialer Arbeit,
  • Interkulturelle und Internationale Soziale Arbeit,
  • (Historisch-)Politische Bildung,
  • Frauen- und Geschlechterforschung,
  • Soziale Bewegungen,
  • Antisemitismus und Rassismus

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