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Das Privileg der Impfung? Biografische Reflexionen einer ambivalenten Zeit

Die pandemische Lage beschäftigt das Land bereits seit zwei Jahren. Medial kommen neben politischen Akteur*innen auch Virolog*innen und Beschäftigte im Gesundheitswesen zu Wort. In Talkshows wird über Impflücken, politische Fehleinschätzungen usw. diskutiert. Die STIKO, ein unabhängiges Expert*innengremium [STIKO Kommission Content] gerät mit ihren Empfehlungen zur Corona-Impfung zunehmend in Erklärungsbedrängnis. Auch der ITES-Werkstattblog griff das Thema vielfältig und diskursiv auf [Schildknecht: Zeitalter des Irrationalen], [Thole & Simon: Nicht Corona macht Kinder arm], [Wagner: Immer Ärger mit der Solidarität].

Ein gespaltenes Land

Ein derzeit zunehmendes Thema sind die spürbaren Spaltungstendenzen im Land. Diese werden durch Hass, Verschwörungstheorien, Fake-News oder auch eine nachhaltige Skepsis gegenüber Wissenschaftler*innen befördert. Das Virus macht nicht nur körperlich krank. Grundpfeiler unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens geraten aus den Fugen. Über die Ablehnung von Coronamaßnahmen und Impfkampagnen entladen sich z.T. gewalttätige Reaktionen. Mittlerweile sickern diese in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Die jüngsten Ereignisse des Fackelauflaufes vor dem Haus der sächsischen Gesundheitsministerin oder Morddrohungen an den Ministerpräsidenten Sachsens sind in der knapp zweijährigen Historie der Pandemie nur die Spitze eines Eisberges. Dabei ist es nicht die Impfung, die die Menschen spaltet, sondern es sind solche Radikalisierungstendenzen, die demokratiegefährdendes Potential aufgreifen, weitertragen und entladen.

Familiendiskussionen

Mich selbst beschäftigt diese Entwicklung aus persönlichen, biografischen Bezügen. Mein Geburtsort liegt in Sachsen. Ein Großteil meiner nahen und entfernten Verwandten lebt noch dort. Seit Sommer besteht der Kontakt ausschließlich über das Telefon, denn weite Teile meiner Verwandtschaft lassen sich nicht impfen und ich will sie über Besuche nicht in Gefahr bringen.

In den wenigen Telefonaten kommt es häufig zu Diskussionen: „Warum wollt ihr euch nicht impfen lassen?“ Es folgt meist die Aufzählung verschiedener Gründe: Angst vor „Langzeitfolgen“, mRNA Stoffe seien „unsicher, nicht lang genug erprobt“, die „Krankheit nicht so schlimm“. Außerdem würden die Zahlen des RKI „nicht stimmen“. Es lägen „überall viel mehr Geimpfte auf Intensivstationen“. Zudem müsse man bei der Impfung viel unterschreiben und der Staat bzw. die Pharmaindustrie würde sich hierdurch von Folgeschäden „freikaufen“. Das gesamte Gesundheitssystem sei „marode, kaputtgespart“. Wenn die Politik so viel falsch macht, „wieso soll ich mich dann mit einem Stoff impfen lassen, der nicht sicher ist?“

Jüngst endeten diese Gespräche noch mit Hinweisen, dass wir unser Grundschulkind „nicht impfen“ lassen sollen. Die Erkrankung sei für Kinder diesen Alters „nicht schlimm, symptomfrei“. Zudem gäbe es keine Langzeitfolgen, wie bei der Impfung selbst. Angesichts dieser vielfältigen Darstellungen bleibe ich nicht nur ratlos zurück. Auch meine Gegenargumente, vertrauend auf ein Wissenschaftssystem, in welchem ich selbst tätig bin, laufen ins Leere, werden zum Teil sogar verhöhnt. Die Spaltung, die sich durch das Land zieht, ist längst in Familien angekommen.

Impfskepsis in Ost-Deutschland?

Meine Vergangenheit rekapitulierend erinnere ich mich an so manch eine Impfaktion in meiner Schulzeit. Ohne die Begleitung von Eltern, ohne ein Aufklärungsgespräch, stellten wir uns der Reihe nach auf: in der Turnhalle, im Unterhemd – so war der Oberarm frei. Wir bekamen Injektionen am Fließband in den Arm gespritzt. An kritische Fragen zum Vorgehen, Nebenwirkungen der Impfung etc., kann ich mich nicht erinnern, nur an die Reihe, ich zwischen meinen Mitschüler*innen.

Diese Diskrepanz von der Befürwortung des Impfens hin zur Verweigerung griff Joachim Gauck in einem Gespräch bei ‚Maischberger‘ auf [Gauck zur Situation des ‚Ostens‘ und Corona]. Die starken Spaltungstendenzen haben möglicherweise auch mit einer allgemeinen Wut auf die Politik zu tun. „Das Impfen im Prinzip“, so Gauck, finden ostdeutsche Bürger*innen „gut und richtig, nur dieses Impfen finden sie nicht gut und richtig, weil sie eben ihren Kampf gegen die Politik mit diesem Thema verbinden“. Er spitzt dies zu: „Die Spaltung, die wir jetzt haben, geht schlecht um mit den Menschen.“

Das wird spürbar in meinen Telefonaten, die weniger werden. Oder in denen ich zuweilen versuche, ein bestimmtes Thema auszuklammern. Das Privileg einer Impfung hat für mich auch etwas mit Solidarität zu tun, die ich meinen Mitmenschen schulde. Vor allem denjenigen, die bisher keine Möglichkeiten hatten, sich impfen zu lassen, darunter in Deutschland auch Kinder unter 12 Jahren. In dieser Logik sind Menschen, die zu meiner Herkunftsfamilie gehören, unsolidarisch und egoistisch.

Oliver Nachtwey, Professor für Sozialstrukturanalyse der Universität Basel, beobachtet ein Spannungsverhältnis zwischen Bund und Ländern sowie eine wachsende Skepsis Ostdeutscher gegenüber dem Bund [Interview mit Nachtwey: Impfverweiger]. Diese Tendenz zeigt sich auch in einer Kurzstudie der Universität Kassel, in der 2.826 Erwachsene im Herbst diesen Jahres rund um das Thema Impfen befragt wurden [Groh et al.: Impfstatus und Impfbereitschaft]. Die Ergebnisse zeigen, dass die Einstellung zum Impfen auch mit dem Vertrauen in Politik, Medien, Ärzt*innen und Wissenschaftler*innen zusammenhängt. Diese scheint u.a. in Teilen der neuen Bundesländer nicht vorhanden zu sein.

Unaufgearbeitete Geschichte

Doch was ist das für ein Kampf, der sich über die Verweigerung eines Privilegs, sich impfen lassen zu können, entlädt? Für viele Menschen auf der Welt besteht dieses Privileg auch ein Jahr nach der Impfstoffentwicklung nicht. Wie kommt es, dass eine individuelle Skepsis und eine lautstark skandierte Ablehnung gegenüber (bestimmten) Impfstoffen Menschen kollektiv auf die Straße treibt? Diese organisierte Gegenposition muss zugleich in einer demokratischen Gesellschaft möglich sein – doch sie hat Grenzen!

Erste eigene Überlegungen knüpfen an das Aufwachsen in einem Regime an, welches Freiheit im Denken und Handeln nicht zuließ und politische Eingriffe als Fürsorge verschleierte. Menschen, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind, spürten Eingriffe des Staates bis in ihr Privatleben hinein. Dies erfuhr ich selbst über biografische Erzählungen mit Erzieherinnen[1], aber auch durch Erinnerungen im Familienkreis. Über den „friedlichen Widerstand“ und die Wende erlebten die Menschen einerseits einen Akt der Freiheit. Gleichzeitig wurden viele von ihnen degradiert, Fabriken geschlossen, Institutionen umstrukturiert, aufgekauft, neu inszeniert. Die errungene Freiheit hatte einen Preis. In „Oberlehrer-Manier“ wurde ausgebildeten, gestanden Menschen erklärt, wie man es „richtig“ mache! Möglicherweise entstand auch hierüber eine Verletzung, die bisher kaum aufgearbeitet wurde.

Der Soziologe und Erziehungswissenschaftler Wilhelm Heitmeyer (2018) überschreibt seine Beobachtungen der letzten dreißig Jahre mit „entsicherte Jahrzehnte“. Zunehmende Globalisierung, Terror oder die Ankunft von Geflüchteten verunsichern Teile der Gesellschaft. Einher geht das, so Heitmeyer, mit dem Gefühl eines individuellen Kontrollverlustes[2]. Möglicherweise führt dies auch dazu, dass man das eigene Leben im Kontext dieser großen Themen von den politischen Entscheidungsträger*innen als unbedeutend wahrgenommen spürt: ein Gefühl der Vernachlässigung bestimmter Teile der Bevölkerung.

Die aktuelle Lage zeigt: Es gibt auch Vergessene in der Pandemie

Nun kommt eine irgendwie eingeschränkte Impfmöglichkeit für die vulnerable Gruppe der Kinder unter 12 Jahren. Eingeschränkt, weil sie Kinder mit Risikomerkmalen und Kinder, die mit Erwachsenen mit Risikomerkmalen Kontakt haben, prioritär setzt. In den Dokumenten des hessischen Kultusministers, die mich über die Schule erreichen, steht u.a. folgendes: Die Krankheit verlaufe meist symptomfrei, eine Impfung sei daher nicht unbedingt notwendig. „Kinder, die weder selbst zu einer Risikogruppe gehören noch Angehörige mit Risikofaktoren haben, können die Impfung auf Wunsch der Eltern und individueller Risikoakzeptanz nach einem ärztlichen Aufklärungsgespräch ebenfalls in Anspruch nehmen“ [Elternbrief zum Download einer Schule im Knüllwald].

Kinder haben über mehrere Lockdowns eine neue Realität erlebt: Freiräume fielen weg, Kontakteinschränkungen und die Beschneidungen von Entfaltungsmöglichkeiten prägten das neue Leben. Ängste kamen hinzu, andere vulnerable Gruppen zu gefährden. Kinder- und Jugendliche wurden begrenzt auf das Schulkinddasein. Kindertageseinrichtungen lediglich über ihre Betreuungsfunktion thematisiert. Zu diesen Ergebnissen kommen einige der bekannten Studien rund um Corona [DJI: Kindsein & Corona] [AGJ: Positionspapier Corona & Jugendarbeit].

Die Impfmöglichkeit kommt für unser Kind zu spät. 25 % der Kinder in der Grundschulklasse machen aktuell eine Covid-Erkrankung durch – nicht alle symptomfrei. Betroffen sind auch wir. Ganze Familien stecken sich an – auch Geimpfte. Die erste Reaktion unseres Kindes auf den positiven PCR-Test war: „Okay, dann bin ich endlich genesen!“ Ich kann hier nur mutmaßen, dass diese Äußerung auch damit zu tun haben könnte, wieder Teil einer Mehrheitsgesellschaft von Geimpften und Genesenen zu sein. Vielleicht auch einfach, um endlich abzuschließen?

Forschungsbedarf

Bezogen auf die Überlegungen, wie es zu einer Verweigerung einer Impfmöglichkeit innerhalb meiner Herkunftsfamilie kommt, bleiben viele Fragen. Qualitative Forschungszugänge könnten hier insgesamt Aufschluss darüber geben, zu welchem Zeitpunkt sich diese Haltung in den Menschen etabliert hat und mit welchen Vorüberlegungen, Erfahrungen, Einstellungen etc. dies zusammenhängen könnte.

Es gibt also viel zu tun – in der Gesellschaft, aber auch in der empirischen Erfassung der Zusammenhänge. Schade daher, dass das BMBF zu den gesellschaftlichen Auswirkungen der Pandemie von ca. 400 eingereichten Forschungsüberlegungen voraussichtlich ab 2022 nur 20 fördert.


[1] Kaul, I. (2019). Bildungskonzepte von Pädagoginnen in Kindertageseinrichtungen. Eine empirisch-rekonstruktive Untersuchung biografischer Wege. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.

Buchprojekt: Bock, K., Braches-Chyrek, R., Karsten, M.-E., Spanu, S. (Hrsg.) (i. V.): Soziale Frauenberufe (Ost und West). Frankfurt a.M.: Wochenschau Verlag.

[2] Heitmeyer, W. (2018). Autoritäre Versuchungen. Signaturen der Bedrohung I. Berlin: Suhrkamp.

Autor*innen-Profil

Dr. Ina Kaul ist
Gastprofessorin der Universität Kassel im FB01 I Institut für Sozialwesen für das Fachgebiet Theorie, Organisation und Praxis der Kinder- und Jugendhilfe.
Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind: Handlungsfelder der Kindheitspädagogik I Bildung I Biographieforschung I Professionalisierung I Didaktik sozialpädagogischer Handlungsfelder.

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Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Stephanie Simon

    Vielen Dank für diesen persönlichen Einblick!
    Während Impfgegner*innen, die diese gesellschaftliche Spaltung postulieren, diese auf die Impfung zurückführen und zunehmend behaupten, sie würden durch die Maßnahmen gesellschaftlich diskriminiert, pochen Politiker*innen auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt, der sich eben auch durch die Impfquote zeigt. Ich finde, bereits diese diametralen Deutungen der Pandemiesituation macht die unterschiedlichen Weltsichten deutlich, die sich ja auch in Bezug auf andere Themen zeigt: z.B. dass Impfgegner*innen es ja offensichtlich nicht problematisch finden, mit Nazis zu demonstrieren, während dies seit nun knapp zwei Jahren stets und immer wieder medial problematisiert wird. Die einen stellen eben sich selbst in den Mittelpunkt der Welt, die anderen sind solidarisch mit anderen. Man könnte sogar fast sagen, das Wissen über die Pandemie-Situation spiegelt sich in den Praktiken, die Pandemie zu bewältigen…