Ein weiteres „Zeitalter des Irrationalen“?

Ein weiteres „Zeitalter des Irrationalen“?

Die Studien des Historikers James Webb „Die Flucht vor der Vernunft“ sowie „Das Zeitalter des Irrationalen“ verdeutlichen materialreich und theoretisch elaboriert für das 19. Und 20. Jahrhundert ein seltsames Nebeneinander von Verwissenschaftlichung und gesellschaftlicher Aufklärung sowie einem Erblühen krudester Denkgebäude und deren gesellschaftlicher Formation. Die Sehnsucht nach mächtigen Herrschern, religiöser Fanatismus, Glaube an unsichtbare Mächte, sektenhafte Verehrung von Guru-Figuren und die Annahme einer jüdischen Weltverschwörung – nach der großen Demonstration von Hygienekritiker*innen am 01.08.2020 in Berlin bleibt die Gewissheit zurück, dass diese Grotesken mitnichten ein Relikt der Vergangenheit sind. Während der sogenannten Corona-Krise erblühte eben nicht nur soziales Engagement und eine beachtliche Hobbyexpertise in Virologie und Technik zur Überbrückung der Kontaktbegrenzungen. Gewisse Milieus sehen sich viel mehr in einer Endzeit – denn das Böse scheint hinter Stoffmasken und der Forschung an Impfstoffen zu lauern.

In diesem Beitrag geht es mir um die Ereignisse rund um die bislang größte Hygiene-Demo zum Zwecke der Kritik an den Maßnahmen im Rahmen der Coronavirus-Krankheit-2019 am 01.08.2020. Dabei möchte ich einige Überlegungen zur Darstellung bringen, was an dieser Demonstration von 20.000 Menschen in Berlin erstaunlich ist und zudem einige Beobachtungen zur Form des Wissens, das hier artikuliert wurde, und wieso ein Umgang damit so schwer ist, zum Ausdruck bringen. Eine genaue Analyse aller dort anwesenden Strömungen wäre wohl aufgrund der versammelten Heterogenität ein ausuferndes Unterfangen. Da die ersten rudimentär journalistischen Impressionen und Material von Teilnehmer*innen gebündelt vorliegen, scheint es naheliegend, erste Reflexionen anzustrengen, auch aufgrund der haarsträubenden, diskriminierenden Stimmen, die sich dort einfanden.

Dass sich angesichts der Maßnahmen rund um COVID-19 eine Form von Protest artikuliert oder zumindest Affekten Ausdruck verliehen wird, ist nicht weiter verwunderlich. Kleinere Auswirkungen im Alltag durch das Maskentragen, Kontaktverbote und abgesagte Veranstaltungen waren direkt spürbar. Durch Betreuungs- und Pflegearbeiten waren Familienangehörige sehr belastet. Die wirtschaftlichen Konsequenzen, das Schließen von Geschäften und die Umstellung auf Kurzarbeit stürzten viele Menschen in existenzielle Sorgen. Insofern waren COVID-19 und die sich damit abzeichnenden Krisen-Erscheinungen eine Verschärfung bestehender Existenzbedingungen. Die daraus resultierenden Ängste und Sorgen mögen einleuchtend sein und fanden auch ihr mediales Echo.

Auch dürfte verständlich sein, dass die Versuche, die Pandemie durch politische Steuerungsmöglichkeiten einzudämmen, durchaus ambivalent sind. Bei den gesetzgebenden politischen Entscheidungen sorgte die alltagspraktische Umsetzung mitunter zu Irritationen und Einschränkungen. Aber das Tragen einer Maske bei Einkäufen zu einem enormen Verlust der Grundrechte zu erklären, bewegt sich schon in Richtung des Skurrilen.

Doch soweit man all die Sorgen und auch möglicherweise den Frust verstehen kann, so unverständlich muss es dennoch erscheinen, dass wenn diese Motive einen Beweggrund dargestellt haben, an der Hygienedemo teilzunehmen, so wenig Berührungsängste mit menschenverachtenden Ideologien bestanden. Die offene Zurschaustellung nationalsozialistischer Symbolik von einzelnen Personen sowie die unübersehbare Menge an schwarzweißroten Fahnen, dürften jedem klar gemacht haben, an wessen Seite man da marschiert. Antisemitische Argumentationsmuster schienen dominant zu sein, sei dies von der Strukturlogik („die bösen Eliten“) notdürftig getarnt („die Rothschilds“) oder auch ganz offen.

Der diffuse Wunsch nach Wiedererlangung von Souveränität scheint Reichsbürger*innen, offenen Nazis, Monarchist*innen und auch Anhänger*innen esoterischer Glaubensansätze, die sich einfach auf der Seite des Guten wähnen, zu einen. An dieser Stelle wäre es im Übrigen falsch, seine Kritik nur darauf zu stützen, dass sich die Demonstrant*innen nicht an Abstands- oder Hygieneregelungen, die sie ja ablehnen, gehalten haben.

Diese Art Kritik auf der Gesetzesebene, ohne die Relevanz herunterspielen zu wollen, könnte nämlich tendenziell die Gefahr, die von diesen Ansammlungen ausgeht, ausblenden. Die Angst vor kinderverschleppenden Eliten, jüdischer Einflussnahme auf das Weltgeschehen und gesundheitlicher Manipulation durch Impfungen (und die affektive Ladung all dessen nebeneinander und gleichzeitig), versetzt die Leute in regelrechte Pogromstimmung, die in Chatgruppen (zu besichtigen auf https://attilawatch.org/) angeheizt und gefördert wird. Utøya, Halle, Christchurch, Hanau und Kassel- dass apokalyptische Verschwörungsfantasien zu Attentaten führen können, liegt auf der Hand.

Aufgrund der Bizarrerie der kursierenden Theorien, ist es leicht, die Szene, die sich als erwacht sieht und in keinem Kampf des Guten gegen das Böse, mit Hohn zu überziehen und nicht ernst zu nehmen. Mörderische Konsequenzen können dennoch selbst die absurdesten Ansätze nach sich ziehen. Während dies kennzeichnend zu sein scheint für die Ansammlung am 1. August, dürfte sich allerdings die Frage stellen, wie man Leuten, die solche Gedanken verfolgen, begegnen könnte. Die spöttische Delegitimierung könnte dazu führen, dass sich Personen weiter radikalisieren oder mehr in die Isolation zurückziehen. Aber auch plump ‚Aufklärung‘- die so notwendig zu sein scheint- aufgrund der Gefahr, die davon für Menschen ausgeht, scheint dabei auf Granit zu beißen.

“(A)lles, was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“ meinte Niklas Luhmann einst und gab dabei präzise wieder, dass Wissen über Gesellschaft und Welt, das unmittelbare Phänomene der Wahrnehmung übersteigt, über Medien vermittelt wird. Das Diskreditieren bestimmter Medien, journalistischer ‚Mainstreammedien‘ aber auch kanonisierter Bücher, lässt das Rüstzeug des Entkräftens schwinden. Als wahr wird nur noch betrachtet, was in das eigene Weltbild passt. Die obskure und schlecht produzierte Ästhetik konspirationstheoretischer Youtube-Clips wird so eben nicht mehr als Zumutung für Geschmack und Intellekt wahrgenommen, sondern steht für die Authentizität in Zeiten überall vermuteter Zensur.

Das Wissenschaftssystem als solches wird nicht gesehen. Die machtvolle Position des Wissenschaftssystems, wird nicht kritisiert, sondern als Element der Manipulation der Massen verstrickt gesehen. Zu dieser Delegitimierung wird immer wieder herangeführt, dass es abweichende Befunde gebe, beispielsweise unter Mediziner*innen hinsichtlich der Einschätzung des Virus und Jurist*innen hinsichtlich der Legitimität von politischen Maßnahmen. Dabei gehört ein Nebenher und ein Widersprechen von Positionen zum Wissenschaftsbetrieb dazu. Das es dort hegemoniale Befunde gibt und randständige Perspektiven, gehört zum sozialen Feld der Wissenschaft. Die dortigen Ökonomisierungen, Netzwerke und Ungerechtigkeiten in der Partizipation können kritisiert werden (und werden dies auch im besten Fall von der Wissenschaft selbst), aber darum geht es Verschwörungstheoretiker*innen im Zweifel an der Wissenschaft nicht.

Wenn Medien und Wissenschaft also keine Begründungen zum Entkräften mehr liefern, so bleibt in deren Händen immer noch das Totschlagargument, dass das Wissen über Verschwörungen natürlich marginal und fragwürdig bleibe, eben weil es um geheime Verschwörungen ginge. Wie will man schon das Wiederlegen, was man nicht wissen soll, da es eben geheim gehalten wird?

Das totale Abdriften aus jeglichen Räumen der Gründe dürfte Gespräche schwierig machen. Man könnte sagen, Verschwörungstheorien leben von Sprachspielen, die ihre Reichweite nur in diesem Glauben haben. Diese abgedrehte Binnenrationalität erweist sich dann scheinbar als anschlussfähig an weitere Verschwörungstheorien (wer glaubt der Star aus „The fast and the furious“ Paul Walker sei bei einem Anschlag ums Leben gekommen, kann dies dann auch gleich Hilary Clinton anlasten) aber weniger an davon abweichende Argumentationen. Wenn jemand sagt, Angela Merkel führe den Kommunismus nach chinesischem Vorbild durch Unterstützung von Bill Gates ein- wo beginne ich dann mit Erklärungen? Führe ich ernsthaft an, dass Angela Merkel keine ideologische Nähe zum Kommunismus aufweise? Erkläre ich, dass China ziemlich gut an die Marktwirtschaft angebunden ist? Gebe ich zu bedenken, was denn der Milliardär Bill Gates sich von einer klassenlosen Gesellschaft verspreche?

Doch während dies noch die sachliche Ebene tangiert, führen andere menschenverachtende Ideologien gleichsam in den Widerstreit (Jean-François Lyotard). Wie gehe ich um mit der Behauptung, dass Juden einen Genozid am deutschen Volk begehen wollen? Während dies natürlich sachlich ein Einfaches wäre, zu wiederlegen, so befällt einen doch ein Gefühl des Ekels, der es ethisch fragwürdig macht, ob man sich überhaupt auf die Denkgebäude, die ein solches Denken möglich machen, einlassen soll. Muss man die Flut an gefälschten Beweisen eines Blickes würdigen und richtigstellen? Aber gerade die Gefahr solcher Ideen macht hier pädagogische Interventionen umso notwendiger.

Es bleibt die Frage, wie man ausgehend von welchem Wissen einem menschenversachtenden Wissen begegnen kann, das der Komplexität der Welt nicht gerecht wird und nach ganz eigenen Regeln spielt.

Autor*innen-Profil

Lukas Schildknecht ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Soziale Arbeit und außerschulische Bildung an der Universität Kassel und Mitglied des ITES.
Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Analyse diskursiver Praktiken, Erziehungs- und Bildungsphilosophie, kulturelle Bildung und Kindheits- und Jugendforschung.

Schreibe einen Kommentar

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Stephanie Simon

    Mit einer pädagogischen Intervention wären zumindest diejenigen Menschen zu erreichen, die offen sind für das Argument, dass es bei einer Demonstration für Grundrechte (was diese Versammlungen ja zumindest zu Beginn der Pandemie vordergründig sein sollten) niemals nur um die individuellen Grundrechte der Einzelnen gehen kann, sondern um Grundrechte für Alle, die über solidarische Praktiken, wie bspw. das Tragen eines Mund-und-Nasen-Schutzes zur Eindämmung der Pandemie, umgesetzt werden können. Grundrechte für Alle würde auch heißen, sich für die Menschen einzusetzen, die in unwürdigen Behausungen an den EU-Grenzen festsitzen oder gegen die misslichen Arbeitsbedingungen der EU-Wanderarbeiter*innen zu protestieren – all das ist kein Teil dieser sich als “demokratischen Widerstand” gebenden Bewegung. Die dabei laut schreienden Verschwörungsideologien sind leicht zu enttarnen, das größere Problem stellen m.E. die Querfront-Argumentationen dar, die sich vordergründig gar gegen Rechts positionieren, sich demokratisch und “kritisch” geben und nicht gegen eine Wissenschaftlichkeit per se sind, sondern gar von Wissenschaftler*innen in ihrer Position gestützt werden. Sie sind gegen das bestehende “Regime” und gegen alles, was von diesen beschlossen wird – selbst, wenn die beschlossenen Maßnahmen Leben retten.

  2. Julian Sehmer

    Angesichts der letzten Demo von diesem Wochenende, drängt sich mir der Eindruck auf, dass dahinter schon eine gewisse Rationalität, im Sinne einer spezifischen Strategie, steckt. Zweifellos sind auf den Demos auch Menschen, die an absurde Verschwörungstheorien glauben. Dort würde ich der These des Irrationalen zustimmen. Aber es waren eben auch zentrale Akteure des Rechtsextremismus beteiligt. Insbesondere der Coup, es bis zum Eingang des Reichstages geschafft und damit symbolträchtige Bilder geschaffen zu haben, spricht für ein geplantes und strategisches Unterfangen. Hier würde ich Stephanie in jedem Fall zustimmen, dass die grassierenden Verschwörungstheorien als Vehikel für eine Querfront-Taktik geschickt genutzt werden.