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Foto: Maren Kirchhoff für Uni Kassel Unbefristet

#ichbinhanna, weristjens* und das WissZeitVG…

Das BMBF und Wissenschaftler*innen, die das System “verstopfen”

Seit Mitte Juni „trendet“ auf Twitter der Hashtag #ichbinhanna. Unter diesem machen v.a. Wissenschaftler*innen jenseits unbefristeter Professuren (Jens* von P.) auf die prekären Arbeits- und Lebensbedingungen im Wissenschaftsbetrieb aufmerksam. Zurück geht der Hashtag #ichbinhanna auf ein 2018 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) veröffentlichtes Video (https://www.youtube.com/watch?v=PIq5GlY4h4E). Dort wird das für die prekarisierten Anstellungsverhältnisse verantwortliche Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) in neoliberaler Manier rechtfertigt. In dem Video heißt es u.A. Innovationen können nicht stattfinden, wenn für den sogenannten „Nachwuchs“, der nach einem erfolgreich absolvierten Masterstudium auf den wissenschaftlichen Arbeitsmarkt strömte, die verfügbaren Arbeitsplätze durch bereits länger im Wissenschaftsbetrieb tätigen Wissenschaftler*innen „verstopft“ (sic!) werden würden. Hanna ist in dem animierten Trickfilm die Protagonistin, eine Biologin, die die Promotion wegen der Qualifizierung macht.

Das BMBF reagierte auf den medialen Aufschrei durch den Hashtag, der von Amrei Bahr und Kolleginnen via Twitter initiiert wurde, und nahm das Video offline. Mittlerweile liegen schriftliche wie mündliche Stellungnahmen des BMBF vor, die das Video sowie die Gesetzeslage abermals rechtfertigen (z.B. https://www.bmbf.de/de/ichbinhanna—antwort-des-bmbf-auf-die-diskussion-in-den-sozialen-netzwerken-14675.html). Erneute Empörung erzeugte Anja Karliczek (CDU), die in der kurzfristig angestoßenen Bundestagsdebatte (https://www.youtube.com/watch?v=UxVrjc-8RxU) zum Thema behauptete, an Universitäten finde ja pandemiebedingt seit eineinhalb Jahren „nichts statt“. Seither gab es von diversen Fachgesellschaften, aktivistischen Gruppen und der GEW Positionspapiere und Veranstaltungen. Ein guter Moment, um zu mobilisieren. Blicken wir einmal auf die vergangenen Wochen zurück:

Wer ist Hanna?

Die auffälligste Nutzung des Hashtag #ichbinhanna war in Kombination mit dem eigenen Namen und Alter Auflistungen von Wissenschaftler*innen über eigene wissenschaftliche Erfolge. So etwa die Höhe der eingeworbenen Drittmittel, die Zahl von Publikationen, die Zahl von Lehrangeboten, Vorträgen usw.; aber auch Auflistungen von Kettenverträgen, Vertragslaufzeiten etc. wurden präsentiert. Hätte ich einen Post abgesetzt, hätte er wohl gelautet: Ich bin Stephanie, 32 und habe in den letzten sechs Jahren ca. schon zehn bis zwölf Vertragsverlängerungen, Aufstockungen oder Absenkungen unterschrieben; fünf bis sieben unbezahlte Lehraufträge durchgeführt, unzählige Bachelor- und Masterarbeiten betreut #ichbinhanna #wisszeitvg #acertaindegreeofflexibility.

An diesem fiktiven Post wird zweierlei deutlich: Einerseits wurde eine Quantifizierung von Arbeit vorgenommen, sicherlich um den meritokratischen Mythos im Wissenschaftsbetrieb als Farce zu enttarnen. Andererseits setzen solche Listen jedoch andere Wissenschaftler*innen unter Druck – insbesondere dort, wo nicht die unbezahlte Mehrarbeit als solche hervorgehoben, sondern die eigenen Erfolge dargestellt wurden. Solche Listen wurden bereits in der Anfangsphase von #ichbinhanna genau aus diesen Gründen kritisiert. Diese Form der Darstellung ebbte ab, Tweets wurden gelöscht. Dennoch: es offenbart sich die Logik des Wissensschaftsbetriebes: Um prekäre Arbeitsverhältnisse zu kritisieren, scheint ein erster Impuls zu sein, das eigene bisher Geleistete darzustellen, unabhängig davon, ob es nun als unbezahlte Mehrarbeit oder persönlicher Erfolg dargestellt wird. Um Dauerstellen für Daueraufgaben zu fordern ist das gewissermaßen auch nachvollziehbar.

Kritik an Arbeitsbedingungen und Exklusionsmechanismen

Unzählige Tweets und Reaktionen zielten zudem auf die strukturelle Ebene ab. Insbesondere die Missstände „in Academia“ sowohl die Arbeitsverhältnisse betreffend, aber auch die Praktiken im Wissenschaftsbetrieb gerieten und geraten in den Fokus der Kritik. Auch Professor*innen äußerten sich kurzzeitig und verhalten über die Hashtags #ichwarhanna oder #ichbinhannaschef, um die Bewegung zu unterstützen. Zu den ursprünglich individualisierten Posts sind seither sehr viele Beiträge dazugekommen, die bspw. auf intersektionale Perspektiven, auf Machtverhältnisse oder auf Wissenschaftsverständnisse hinweisen.

Verschiedene Kampagnen der GEW, NGAWiss (Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft) verweisen auf diese Missstände seit Jahren. Auch in der Erziehungswissenschaft gab es immer wieder Gruppen von Wissenschaftler*innen, die sich in Fachdebatten einbrachten, um auf die prekrarisierten Arbeitsbedingungen hinzuweisen, zuletzt auch das Themenheft der DGfE zum „Hamsterrad (Erziehungs-)wissenschaft“ (2016). U.a. darüber angeregt, sowie durch die Erkenntnis, dass die Mobilisierung von Kolleg*innen keineswegs einfach erscheint, fragten wir uns 2019, und diese Frage wird unter dem Hashtag #ichbinhanna nun auch gestellt: wer sind eigentlich diejenigen Wissenschaftler*innen jenseits unbefristeter Professuren? Gehen wir von ungleichheitsrelevanten Exklusionsmechanismen auf struktureller Ebene im Bildungssystem aus, wie der vielzitierte Bildungstrichter (https://www.hochschulbildungsreport2020.de/chancen-fuer-nichtakademikerkinder) immer wieder belegt, dann ist anzunehmen, dass auch das Einmünden in den universitären Betrieb überhaupt massiven Selektions- und Exklusionsmechanismen unterliegt. Es ist daher v.a. auch die Frage zu stellen, wer Hanna eigentlich ist, bzw. wer zu Hanna werden kann.

WeristJens*?

2019 riefen wir das qualitativ-rekonstruktive Forschungsprojekt „WeristJens*?“ ins Leben , das sich genau dieser Frage annehmen möchte [1]. Im Kern war das Anliegen also ein ganz ähnliches zu den ersten Impulsen von #ichbinhanna – wir wollten die Lebenslagen, Lebenssituationen aber auch biographischen Wege von Erziehungswissenschaftlerinnen jenseits unbefristeter Professuren (Jens* von P.) eruieren und strukturelle Parallelen und Unterschiede in den biographischen Wegen und Erzählungen rekonstruieren. Getriggert wurde die Idee damals durch den Call des coronabedingt ausgefallenen DGfE-Kongresses 2020, der uns unter dem Titel „Optimierung“ provozierte. Eine Optimierungs- und Steigerungslogik auf der einen Seite steht der Prekarisierungsdruck des Wissenschaftssystems auf der anderen Seite entgegen, oder gehen symbiotisch miteinander einher, so unsere Kernthese, die uns bei unseren ersten Überlegungen leitete.

Auch im o.g. BMBF-Video scheint beides unabdingbar miteinander verwoben: Innovation sei ausschließlich durch Prekarisierung im Rahmen des WissZeitVG möglich. Der darüber aufgebaute Druck erzeuge besonders förderwürdige, da innovative, wissenschaftliche Erkenntnisse – die Wissenschaftler*innen jenseits unbefristeter Professuren sind in dieser Logik nichts als einzelkämpferische Lieferant*innen von neuem Wissen, die den Wirtschaftsstandort Deutschland zu noch mehr Gewinn und Anerkennung verhelfen. Wissenschaft als kollektives Unterfangen, als Zusammenarbeit von gewachsenen Arbeitsgruppen, Fachgesellschaften, interdisziplinären Zusammenschlüssen, wird dabei nicht berücksichtigt.

Vielmehr fordert die Logik des BMBFs von Hanna und Jens* ihre Sichtweisen auf ihren Erkenntnisgegenstand in den Diskurs einzupflegen, ohne dabei als vollwertige Wissenschaftlerinnen anerkannt zu werden. Die Infantilisierung von Wissenschaftler*innen über das Label „Nachwuchs“ (dazu auch Bünger, Jergus und Schenk 2016) wird über derartige Narrative und Argumentationsmuster weiter reproduziert. Hanna und Jens* sollen Wissen generieren und zur Verfügung stellen. Besser noch, einen Plan B haben, sich karrieremäßig beraten lassen und Karrierewege außerhalb der Wissenschaft erschließen, wie u.a. in dem BMBF-Video auch erklärt wird. Es wird sogar angenommen, ein Großteil der Wissenschaftler*innen forsche nur aus Prestigegründen – für Status, Titel, bessere Bezahlung und Arbeitsmarktchancen. Wir nutzen daher den Begriff Jens* (von P.) anstelle der Bezeichnungen „Nachwuchswissenschaftler*innen“ oder den Begriff Wissenschaftler*innen in Qualifizierungsphasen u.ä., da all diese Begriffe auf ein noch-nicht-fertig und noch-nicht gleichwertiges, wissenschaftliches Arbeiten hinweisen. Das Jens* steht dabei vor allem für das Jenseits von unbefristeten Professuren, fokussiert also die strukturellen Hindernisse im Wissenschaftsbetrieb.

Empirie und Aktivismus?

Um das Kernanliegen von #ichbinhanna zu unterstützen, sollten wir auch empirisch untermauern, wie problematisch unsere gegenwärtige Organisation der Wissenschaftsproduktion ist. Und wir sollten nachzeichnen, wie sich prekarisierte Arbeitsverhältnisse auch in prekarisierten Lebensverhältnissen niederschlagen können (Bourdieu 2004; Motakef 2015). An dieser Stelle gilt es, den Begriff der Prekarisierung kurz zu umreissen: es geht dabei um ungesicherte Verhältnisse und Lebenslagen, die weitere Planbarkeit und Zukunftsentwürfe bisweilen blockieren, etwa durch das Pendeln zwischen zwei Wohnorten, die erschwerte Vereinbarkeit von Familie und Arbeit, usw.; inbesondere geht es aber auch darum, darauf hinzuweisen, dass prekarisierte Arbeitsverhältnisse sich in den sozialen Nahbeziehungen niederschlagen, sprich: das Miteinander und damit auch den Wissenschaftsbetrieb verändern. Prekarisierung und das daraus resultierende vereinzelte Arbeiten blockiert Organisation und Solidarität der Beschäftigten untereinander. Mit befristeten Arbeits- und Kettenverträgen können in der hochschulischen Selbstverwaltung Vetreter*innen von Hanna und Jens* kaum ihre Anliegen dauerhaft und in gewachsenen Arbeitsgruppen einbringen.

Die empirische Grundierung dieser strukturellen Defizite kann daher gewinnbringend für den Arbeitskampf sein, um einem Vorurteil entgegenzuwirken, wie es auch in der Rede von A. Karliczek durchscheint: häufig wird die Thematisierung von strukturellen Barrieren und Ungleichheiten mit emotionalen Befindlichkeiten gleichgesetzt. Dass erfahrene Ungerechtigkeiten sich selbstverständlich auch emotional niederschlagen, liegt wohl daran, dass wir Menschen sind #frististfrust. Auf rationale Argumente und sozialwissenschaftliche Analysen von Wissenschaftler*innen, die auf erzeugte strukturelle Missstände hinweisen, jedoch mit dem Emotionalitätsvorwurf zu reagieren, ist kein demokratischer Diskurs. Auf Twitter lässt sich dies gegenwärtig gut beobachten: dort werden etwa Stimmen von Wissenschaftler*innen of Color oder anderen im Wissenschaftsdiskurs nicht ausreichend repräsentierten Gruppen, die bspw. auf institutionelle Diskriminierung in den Hochschulen hinweisen, als emotional diskreditiert. Ähnliches passiert auch in der rechten Filterblase: dort werden die Wissenschaftlerinnen als „beleidigt“ ob der misslichen Verhältnisse dargestellt.

Für Erziehungswissenschaftler*innen haben all die vorgetragenen Argumente des BMBFs für das WissZeitVG nochmals eine andere Relevanz, da „in die freie Wirtschaft“ zu gehen, kaum eine Option ist. Zudem behandeln wir in den Erziehungswissenschaften Themen, die alle Menschen quasi direkt betreffen: Erziehung, Sozialisation und Bildung – diese sind nicht außerhalb gesellschaftlicher Verhältnisse zu denken. Eine Wissenschaft, die sich über Konkurrenzdruck, Quantifizierbarkeit des Sozialen und einem nicht eingelösten Leistungsversprechen aufrecht erhält, wird die gegenwärtigen gesellschaftlichen Probleme tendenziell eher verstärken. Wie ergänzt die Perspektive von Erziehungswissenschaftler*innen jenseits von unbefristeten Professuren (Jens*) die Perspektive von Hanna und wie kann umgekehrt Hannas Wissen zu einer veränderten Perspektive in der Erziehungswissenschaft beitragen?

Im Folgenden wird eine Bricolage aus empirischen Puzzleteilen präsentiert. Die Daten sprechen zunächst einmal „für sich“. Für Hannas Positionen stehen Tweets, die unter dem Hashtag #ichbinhanna überwiegend von Wissenschaftler*innen verschiedener Disziplinen vom 11.06. bis zum 06.07.2021 abgesetzt wurden, sie sind versehen mit Twitter-Namen und Datum des Posts. Jens* Positionen sind gekürzte und geglättete, anonymisierte empirische Ausschnitte aus sieben biographischen Interviews aus dem Projekt WeristJens*?, die wir mit Erziehungswissenschaftler*innen im Zeitraum vom 1.11.2019 bis 16.12.2019 geführt haben. Die Komposition der Ausschnitte ist höchst selektiv und fiktiv.

Hanna trifft Jens* – Ein fiktives Gespräch

Hanna: #ichbinhanna. Das bin ich: 29 Jahre alt, Neurowissenschaftlerin, promoviert mit summa cum laude, 4 Arbeitsverträge in den letzten 12 Monaten. Werdende Mutter. Vertragsende in 12 Monaten. Geringe Perspektive und keine Sicherheit! #FrististFrust #WissZeitVG (Antonia Beiersdorfer, 02.07)

Jens*: Man guckt sich die Lebensläufe an und ich bin beeindruckt […] von dem was die geleistet haben. […] wie machen die das mit Familie? Da haben die meinetwegen zwei Kinder, wie geht das? Also was hat sie das alles gekostet dieser Lebensweg? Und es wird nicht reichen. Es ist nicht genug. (i1, 893-898)

Hanna: Schonmal drüber nachgedacht warum der Hashtag #ichbinhanna und nicht #ichbinhannes heißt? (BandaPaer, 25.06)

Jens*: meine Frau, die ackert im Hintergrund so viel, dass ich das machen kann also das, die hält mir den Rücken frei, dass ich hier, mich Samstag hinsetzen kann, zu Hause brennt die Luft mit unseren drei kleinen Kindern. Meine Frau kämpft dagegen an und ich sitze hier und der feine Herr klimpert in seiner Tastatur an seiner Dissertation (i2, 473-476)

Hanna: Wir sind nicht alle Hanna. Am längsten durchhalten kann im Wissenschaftssystem, wer durch den Klassenhintergrund finanziell abgesichert ist. In den Danksagungen von Habilitationen wird oft Eltern für die finanzielle Unterstützung gedankt (Francis Seeck, 22.06.)

Jens*: ich hab in meiner Biographie erstaunlich wenig Brüche und erstaunlich wenig Überraschungen im Vergleich zu vielen anderen also ich komm aus so nem akademischen bürgerlichen Elternhaus meine Mama hat mal promoviert, hats dann gelassen (i7, 90-93)

Hanna: Ich bin Reyhan, 39, Sprach-, Migrations- & Rassismusforscherin. Ich hatte noch nie ne Uni-Stelle, finanzierte meine Promotion, Postdoc und jetzige Habilitation mit selbst beantragten Stipendien. Forscher:innen of Color aus nicht-akademisierten Familien habens in der Fuckademia eindeutig schwerer als Kinder von weißen akademisierten Familien & auch wenn das niemand zugibt, bekommst du es tagtäglich zu spüren. […] (Lady Bitch Ray, 11.06.)

Jens*: Was ja eigentlich genau das ist, was Universität ja auch braucht. Und auch um die Vielfalt auch zu zeigen, auch in der Lehre vielfältig zu sein und auch in der Wissenschaft vielfältig zu sein. (i6, 323-325)

Hanna: Der Kampf muss intersektional sein (Maha El Hissy, 25.06.)

Jens*: bin auch bereit daran mit zu arbeiten und gebe mir jetzt schon große Mühe, dass dieses System von universitärer Wissenschaft durchlässiger wird für Leute die nicht mit allen irgendwie den Merkmalen und den Kapitalformen auf unterschiedliche Arten ausgestattet sind wie so der ganz klassische bürgerliche männliche Herr Professor (i7, 363-367)

Hanna: Warum können wir die Dinge nicht mal beim Namen nennen? In Deutschland glauben immer alle das gäbe es bei uns nicht. Aber auch das Deutsche Wissenschaftssystem ist diskriminierend, Rassismus, Sexismus, Ableismus, LGBT Feindlichkeit drängen uns system.heraus (Anna Krahl, 19.06.)

Jens*: insgesamt hab ich das Gefühl dass in diesem Bereich universitärer Wissenschaft dass es wahnsinnig wichtig ist und zeitgleich auch irgendwie total eklig im System irgendwie Leute zu haben die einen da rein holen, klassische Gatekeeperinnen oder wie auch immer und das gute alte furchtbare und gewaltvolle Vitamin D (i7, Z. 69-73)

Hanna: Ich schließe in ca. 1 Jahr meine Promotion hoffentlich erfolgreich ab. Einen Verbleib in der Wissenschaft kann ich mir bei all den Berichten unter #ichbinhanna schwer vorstellen. Schade eigentlich – ich bin gerne Wissenschaftler (DomDom, 24.06.)

Jens*: Zukunft ist immer ungewiss. Ich bin eine flexible Person. Das heißt, ich möchte jetzt nicht nach Plan und Schema strikt leben, aber ich habe eine grobe Planung immer natürlich. Aber auch einen Plan B. Das heißt, ich fühle mich natürlich immer sicher wenn ich einen Plan B von dem ich auch überzeugt bin. Also die mich sozusagen beruhigt (i3, 308-312)

Hanna: Lessson #1 #ichbinhanna: #planB haben (Dinah Baer-Henney, 24.06.)

Jens*: hab ich auch inzwischen so ein leichtes Bockigkeitsgefühl entwickelt von okay wenn ihr es uns strukturell so schwer macht und so viele Steine in den Weg legt dann bin ich jetzt bockig und geh dann an die FH (i7, Z.395-398)

Hanna: Hanna bewirbt sich nun auf Professuren & wird auch öfter zum Bewerbungsgespräch eingeladen. Leider dauert es oft bis zu 2 Jahre, bis sie eine Absage erhält, gerade wenn die Erstplatzierten lange verhandeln. Manchmal kann sie sich kaum erinnern – so oft passiert das (Dr MS Brusius, 22.06.)

Jens*: Scheiße die Leute haben sich verdammt noch mal 15 Jahre den Arsch aufgerissen und du weißt genau es wird nicht reichen. […] weil sie nicht genügend Einzelsachen herausgebracht haben, sondern zu viel Kooperationen. Was ist denn an Kooperationen schlecht? Aber es soll eben sichtbar werden, was deine eigenständige Leistung ist. (i1, 887-892)

Hanna: Weil ich es mir „früh“ in der Karriere nicht leisten kann ohne Rücksicht auf Hierarchien mit anderen zusammenzuarbeiten, erst recht nicht wenn es keine „Namen“ sind. Macht es mich zu einer weniger kompetenten Wissenschaftlerin, dass ich kooperativ arbeiten will? (Dr Melissa Schuh, 23.06.)

Jens*: Wissenschaft, bzw. Erkenntnisse sammeln, gewinnen, das findet im Austausch statt. Also man kommt auch natürlich alleine, das heißt man muss natürlich Dinge lesen, das ist klar. Man gewinnt Erkenntnisse, aber auch durch den Austausch wachsen sie. Und mir ist es nicht immer möglich […]. Ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll. Es ist, also man ist sozusagen alleine. (i3, 242-250)

Hanna: Solidarität muss Alltag werden! (Benjamin Engbrocks, 05.07.)

Jens*: Und alle sind in Konkurrenz zu einander, finde ich auch eine kack Situation. Das ist auch nichts was man so grundsätzlich ändern kann, aber das ist auf jeden Fall ein Problem, dass man das Gefühl hat man muss sich gegenüber anderen profilieren. (i1, Z. 878-880)

Hanna: Scientists unite! (KRoesen, 24.06.)

Jens*: also eigentlich zeigen wir uns hier immer alles, so Exposé kann ich mal gucken und ich [..] krieg so mit, dass die sich gegenseitig so Sachen nicht zeigen und das find ich total irritierend […]. Meine jüngere Kollegin, die schließt ihre Forschungssachen immer ab in son Schrank und die sagt dann aber so spielerisch “ja damit du dir jetzt nicht irgendwie von meinen Sachen sowas veröffentlichst”. Also wir begreifen das gar nicht wie die Denke ist, aber ich glaube, es gibt nen wahnsinnigen Konkurrenzdruck (i5, Z. 409-422)

Hanna: #ichbinhanna ist Ausdruck eines strukturellen Problems – Es geht nicht nur um Entfristungen. Es geht darum, die Wissenschaft wieder zu einer freien Wissenschaft zu machen. Das geht nicht ohne einen grundlegenden Paradigmenwandel (daniel-pascal zorn, 24.06.)

Jens*: es gab immer mal wieder Momente wo ich sehr zweifel an diesem ganzen System insbesondere von einer Erziehungswissenschaft, die sich häufig darstellt [..] als wäre sie sonst was für ne kritische universitäre Disziplin und […] im tatsächlichen Miteinander überhaupt nicht diesem Ideal entsprechen (i7, Z. 229-234)

Hanna: Was macht eigentlich die DGfE so? Sucht sie eigentlich noch neue Mitglieder*innen? (Dodiko (Polidiko), 04.07)

Jens*: […] also es herrscht offensichtlich also unter Professorinnen sowieso, wenn man denen manchmal zuhört, erlebt man die in so nem Wettstreit in wie viel Projekten sie stecken und wie wenig sie schlafen. Und das tauschen sie ja mit ner bemerkenswerten Lust aus und das find ich katastrophal. (i5, Z. 423-429)

Hanna: protestantische Arbeitsethik – schön und gut, aber Einzelne können gegen systemische Probleme nur 1 tun: sich organisieren (Jens Jäger 19.06.)

Jens*: fühlt sich son bisschen an wie hochgepokert, was hier gerade mache, weil ich ja tatsächlich für all diese Dinge nicht bezahlt werde. Sondern ich mach das in der Hoffnung und in dem Glauben, dass sich diese ganzen Investments irgendwann auszahlen. (i7, Z. 356-361)

Hanna: Und das funktioniert nur, weil die Hannas erpressbar sind. Ohne unbezahlte Mehrarbeit kein Anschlussvertrag. Und genau das ist der Grund, warum das @BMBF_Bund das WissZeitVG um jeden Preis retten will (Mona Krewel, 03.07.)

Jens*: Forschung mit leeren Magen ist bisschen schwierig (i3, Z. 289)

Hanna: Aus Angst vor Armut nicht promovieren? Wissenschaft sollte nichts sein, was man sich leisten können muss (ArbeiterKind Leipzig, 19.06.)

Jens*: sehe es dann halt auch nicht ein, dass ich da mich selber davon nicht mal finanzieren kann. Also da da bin ich halt auch wieder, da habe ich auch diesen kritischen Blick aufs Arbeitsfeld und ich habe keine Lust mich ausbeuten zu lassen (i6, 507-509)

Hanna: Was mich massiv an der Diskussion um #ichbinhanna stört, ist, dass Entscheidungsfreiheit im Moment schnell unter den Tisch fällt. Prekäre Vertragsbedingungen machen uns nicht allein zu. Spielbällen, es gibt Möglichkeiten „nein“ zu sagen und das nicht immer gleich um den Preis „aus dem System zu fallen“ (Solveig Nitzke, 21.06.)

Jens*: Was mir halt ein bisschen so zu schaffen macht ist einfach von den Ansprüchen, die an die Stellen gestellt werden. Es wird halt nicht weniger, sondern es wird halt mehr (i6, Z. 258-260)

Hanna: ich bin hanna & kanns mir nicht leisten, irgendwas nur mittelgut zu machen. Alles, was ich tue (Publizieren, Vortragen, Lehren, #wisskomm…) ist ständige Bewährungsprobe & potentielle Beurteilungsgrundlage für Stellenbesetzungen. Nicht perfekt liefern kann mich den Job kosten (Amrei Bahr, 05.07.)

Jens*: vor allem weil ich auch sehe, dass es auch Personen kaputt macht, […] die halt auf Professurebene da auch sind, wo man sich eigentlich nur denkt: das geht gar nicht wie fertig und kaputt die Menschen dann halt zum Teil auch wirklich sind (i6, Z. 278-282)

Hanna: Viele durchschauen erst spät, dass es nicht ihre Leistung & ihr Einsatz sind, die über ihr Weiterkommen entscheiden. Dafür gibt es zu wenig Möglichkeiten für zu viel Gute. Das ist aber nicht offensichtlich (außer #ichbinhanna macht es dazu). Offen gesprochen wird über Erfolge (Silke Zimmer-Merkle, 05.07.)

Jens*: Weil Uni ist halt auch ein Fass ohne Boden, man kann immer mehr machen, aber im Endeffekt zählt halt trotzdem nur das was dann am Ende von der Zeit herauskommt. Also ich kann natürlich 100.000 Stunden in Lehre investieren, ich kann natürlich auch 100.000 Stunden in meine eigene Forschung investieren. Aber davon habe ich halt nichts, wenn ich 60 – 80 Stunden Wochen habe die ganze Zeit (i6, Z. 425-430)

Hanna: Ich sehe das mittlerweile, auch durch #ichbinhanna ins rechte Licht gerückt, schon etwas bitter. Man arbeitet unter einem Acquisedruck als wäre man selbstständig (Frau Nabitte, 06.07.)

Jens*: ich bin in dem ganzen Kollegenkreis mit so der Älteste. Das heißt, ich merk auch wie sich das so abkoppelt also bestimmte Karrierewege trennen sich voneinander ab. Ich hab nie gearbeitet wie ich glaube 80% der Leute hier arbeiten, also ich hab nie an Wochenenden gearbeitet, ich mach Feierabend wenn Feierabend ist (i5, Z. 129-137)

Hanna: „Nachwuchs“ bis 60, oder wie wir es nennen: #wissenschaft in Deutschland (Dr. Saskia Sell, 06.07.)

Jens*: also wenn ich das jetzt so aus ner Berufs- und Bildungswegperspektive betrachte, ist eigentlich für mich die Unilaufbahn beendet. Also das ist n bisschen strange, weil ich immer noch hier arbeite und weil ich auch habilitiere, weil das gewünscht ist. Aber ich will das gar nicht. (i5, Z.141-144)

Hanna: Verstehe nicht ganz, warum man eine Promotionszeit entfristen sollte? Dann würden einige ja nie fertig damit. Die Umstände unter denen sie arbeiten ändern, ja, auf jeden Fall. Aber gerade die Befristung auf x Jahre motiviert doch dazu auch fertig zu werden (Resi reynolds, 23.06.)

Jens*: ich habe immer den Gedanken man kann das System nicht ändern ‘ne. ich habe nicht dieses Ideal zu sagen: um jeden Preis müssen wissenschaftliche Mitarbeiter Stellen jetzt alle unbefristet werden. So ein Ideal habe ich nicht (i3, Z. 357-360)

Hanna: Wer unter #ichbinhanna rumheult, hätte einfach im Fach Wirtschaft besser aufpassen müssen (Mario Teran, 03.07.)

Jens*: naa ich leb natürlich total bequem ich hab so ne hab ne volle Stelle, die hab ich auch noch relativ lange also relativ heißt in unserem Bereich 1 1/2 Jahre, das ist ja ne Unendlichkeit (i5, Z. 263-265)

Hanna: Wie kann man unter solchen Umständen von einem Privileg sprechen. Viele sind es auch leid, sich ständig dafür entschuldigen zu müssen, dass sie auch einmal ‚Glück‘ haben. Wissenschaft ist ein Glücksspiel. Nicht mehr und nicht weniger (Dr Jennifer S. Henke, 19.06.)

Jens*: Das heißt man hat eine qualitativ hochwertige Arbeit geleistet und die wird belohnt in dem man sozusagen eine Dauerstelle hat. Und aber die wird eben nach diesem System nicht belohnt. Das heißt, egal was du machst, du musst aufsteigen. Das heißt, wir schauen immer nach vorne und nicht zurück, was wir alles sozusagen gemeistert haben. Und das ist eben das Faule an dem System (i3, Z. 374-379)

Hanna: dauert vermutlich nicht mehr lange bis das Wissenschaftszeitvertragsgesetz zum Naturgesetz erklärt wird (Christian Vogel, 21.06.)

Jens*: Also ich weiß jetzt noch nicht, ob ich abschließen werde bzw. überhaupt beginnen werde, wenn man so will. Oder ob das dann bei ein paar Überlegungen bleibt, die dann zu nichts werden, weil ich vielleicht in einem Jahr gar nicht mehr an der Uni arbeite. (i1, Z. 676-679)

Hanna: Und wie gerne würde ich hier mehr sagen, mich inhaltlich aufregen, teilen, aber ich möchte hier halt auch noch promoviert werden. Also werde ich wohl sowohl hier als auch in der Sache selbst meine Klappe halten (Karen, 03.07.)

Jens*: Mal denke ich, das ist alles super nervig, ich lasse das. Tschüss Uni. Keine Lust mehr darauf (i1, Z. 689-690)

[1] Hintergründe zur Entstehung und erste explorative Sondierungen der Forschungsbefunde sind hier nachzuhören: https://www.ites-werkstatt.de/weristjens/

Literatur

Bourdieu, P. (2004). Prekarität ist überall. In Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion.
Konstanz: UVK, S. 96-102

Bünger, C., Jergus, K., & Schenk, S. (2016). Prekäre Pädagogisierung. Zur paradoxen Positionierung des erziehungswissenschaftlichen “Nachwuchses”. Erziehungswissenschaft, 27(53), 9-19

Motakef, M. (2015). Prekarisierung. Berlin/Bielefeld: Transcript

Autor*innen-Profil

Stephanie Simon ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt KiSte am Fachgebiet Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Soziale Arbeit und außerschulische Bildung an der Universität Kassel.
Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Soziale Ungleichheiten, (Bildungs)ungleichheit, Pädagogik der frühen Kindheit, Kindheitsforschung, institutionelle Diskriminierung, qualitativ-rekonstruktive Sozialforschung.

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Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Markus

    Ein Beitrag, dem ich gerne Zustimme.
    Vielleicht sollten wir mal weiterdenken und nach Alternativen schauen. (Also natürlich ist auch Kritik angebracht ohne gleich eine Lösung zu haben).
    Ein Kollege aus Holland hat mir das dortige System mal erklärt. Dort gibt es viel mehr unbefristete Stellen in der Wissenschaft die keine Professuren sind. Er hat genau so eine Stelle angestrebt – der Druck Prof zu sein, wäre zu groß! So entsteht aber auch ein weniger hierachisches System. Hier (in Deutschland) arbeiten und kooperieren PRofs miteinander. Dort ist der Prof zwar an der “Spitze”, aber arbeitet viel enger mit seinen Mitarbeiter*innen zusammen.
    Vielleicht mal ein Thema für einen neuen Beitrag