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Foto von Fabian Raabe

Hinter den Kulissen sozialer Ungleichheit: Ein Besuch im Theaterstück #armutsbetroffen

Das dokumentarische Theaterstück #armutsbetroffen des Regisseurs Helge Schmidt nimmt sich einem brisanten Thema an: Welche alltäglichen Erfahrungen machen Menschen in Armutslagen? Und wie lassen sich diese Erfahrungen szenisch darstellen? Es geht nicht um Armutsquoten, prozentuale Benachteiligungen in bestimmten Lebenslagen oder vermeintlich herkunftsbedingte Kompetenzrückstände, sondern um die Menschen als Subjekte und Akteur*innen in einer spätkapitalistisch strukturierten Gesellschaft. Dass dies nicht nur erzählerisch spannend, tragisch, aufwühlend, mitreißend sein kann, sondern auch emanzipatorisches Potential hat, auch darauf macht das Theaterstück aufmerksam. 

Die Besonderheit dieses Stückes liegt darin, dass für das Schauspiel u.a. auf Texte von Autor*innen aus dem Schreibprojekt „Alltägliche Armutserfahrungen – Erzählen als politisches Sprechen, initiiert durch die AG Theorie und Methoden der Sozialen Arbeit (Universität Duisburg-Essen), gefördert durch die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) zurückgegriffen wurde sowie Social-Media Postings, die in den letzten Jahren unter dem Hashtag  #ichbinarmutsbetroffen veröffentlicht wurden, im Theaterstück Einsatz fanden.

Wir verfolgen als Forscher*innen, die sich ebenfalls mit Armut auseinandersetzen, sehr gespannt die Arbeiten der AG Theorie und Methoden der Sozialen Arbeit um Helen Dambach, Lena-Marie Nägle und Holger Schoneville, insbesondere auch das Forschungsprojekt zum Hashtag #ichbinarmutsbetroffen und so stand für uns schnell fest, dass wir auch eine Aufführung des Stückes besuchen werden. Ende September 2025 im Lichthoftheater in Hamburg konnten wir das Stück mit anschließendem Publikumsgespräch sehen. An dem Gespräch beteiligten sich auch die Autor*innen des Stückes, die selbst armutserfahren sind.

Dies ist keine Rezension, sondern ein Erfahrungsbericht und Empfehlung, diesen Bildungsanlass, den das Stück bietet, für sich und vielleicht auch für Seminargruppen oder anderweitige Kontexte der Aus-, Fort- und Weiterbildung im Bereich Sozialpädagogik oder der politischen Bildung, wahrzunehmen. Wieso? Das klären wir in diesem Beitrag. 

Erstmal ist das Theaterstück #armutsbetroffen kein standardmäßiges, dramatisierendes Werk über Armut und Armutsfolgen. Vielmehr bietet es gleichzeitig einen collageartigen gesellschaftskritischen Überblick wie fokussierte, detaillierte Einblicke in die subjektiven Umstände und das Innenleben der armutserfahrenen und armutsbetroffenen Akteur*innen. Auf der Bühne zu sehen sind drei silberblau-metallisch und spacig gekleidete Personen (gespielt von Agnes Decker, Ruth Marie Kröger und Laura Uhlig), Berge von Zetteln – Rechnungen, die während der Aufführung wiederholt durcheinanderfliegen und den Druck des noch zu zahlenden nie vergessen lassen (und Spoiler: am Ende geschreddert werden) – und drei verschiebbare Leuchtbögen, die ganz unterschiedliche Grenzziehungen im Bühnenraum zulassen, mal stehen die Frauen* gemeinsam vor ihnen, mal getrennt dazwischen, mal daneben oder dahinter. 

Es sind die performativ vorgetragenen Texte, die das Herzstück von #armutsbetroffen ausmachen – Texte aus den Workshops, Postings, aus Gedichten, biografischen Erfahrungen und Erinnerungsschnipseln der Autor*innen, die von Helge Schmidt pointiert wie in einem Mosaik aneinandergereiht wurden und von den Schauspielerinnen lebendig auf die Bühne gebracht werden, wo sie mit dem Bühnenbild prismaartig zusammenfließen. Die Schauspieler*innen verkörpern nicht nur verschiedene Rollen, sondern verschiedene Erfahrungsräume und Zugänge zu diesen, die sich dialogisch mit- und auseinandersetzen. Manchmal ist unklar, ob alle drei eine Person darstellen, oder verschiedene. Es gibt viele Parallelen in den Armutserfahrungen und doch ist jede Lebenslage einzigartig – das wird deutlich.

So ist es beispielsweise die familiale und berufliche Einbettung, die zu Beginn, manchmal nur stenoartig – aus der Sprache der Posts heraus – angerissen werden: „Leiharbeit“, „alleinerziehend, K1 schwerstbehindert“, „Erwerbsunfähigkeit, ü60 und Hartz IV auf dem Dorf“, „Kulturschock, Integrationstrauma“ oder „Angehörigenpflege“. Ein Bild von Lebensrealität wird mit Sprache gezeichnet von der Vielfalt der Lebensverhältnisse in Armutslagen. Diese Vielfalt ist aus der Forschung durchaus bekannt. In wissenschaftlicher Sprache würde es heißen: Armut ist weiblich, Ein-Eltern-Familien, Menschen mit Migrationshintergrund, Mehrkinder-Familien, Pflegende und Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen sind besonders von Armut betroffen oder bedroht. Bei #armutsbetroffen ist es anders: auch über Sprache kommt eine ganzheitliche Auseinandersetzung hinzu, die Vielfalt der Bewältigungs- und Gestaltungsformen aufgreift, und die Vielfalt der Facetten zeigt, die dabei aufgegriffen werden können. 

Entbehrungen, „permanenter Verzicht“ werden plastisch, die Lebensbewältigungsstrategien und Autonomiesuchen werden weder romantisiert noch beschönigt, sondern mit klaren Worten dargestellt. Der Stress, den das Leben in Armut bedeutet, wird performativ spürbar, wenn mit dem Taschenrechner vorgerechnet wird, wieviel Geld nach Abzügen aller Fixkosten am Tag für Essen und Trinken bleibt: „vier Euro“.

Die Schauspieler*innen bringen eine ganze emotionale Spannweite auf die Bühne, die von Wut, Traurigkeit, Angst, Schuldgefühle hin zu Glück, Mut, Dankbarkeit und Freude reicht, die durch die starken Texte und das sensible Spiel Armut in gewisser Weise ästhetisch thematisierbar und dadurch für die Zuschauenden in Spuren erfahrbar machen. Aber vor allem kommen sie immer wieder auf Scham – eine Scham, die permanent mit öffentlich machtvoll vorgetragenem Klassismus kämpft und deutlich macht, wie sich armutsbetroffene Menschen ständig mit klassistischen Zuschreibungen auseinandersetzen müssen: „Die geben doch ihre Kohle eh für Alk und Kippen aus“, heißt es direkt im eröffnenden Teil in dem Stück; oder „ich geh malochen und die machen sich ein schönes Leben“, während das Gefühl bleibt, „betteln zu müssen für etwas, was mir einfach zusteht“.

Ein Plädoyer gegen Diffamierungen armutserfahrener und -betroffener Menschen

Besonders im Wahlkampf und dessen Folgen im Jahr 2025 ist die politische Instrumentalisierung von Ungleichheit und Armut wieder öffentlich – oder genauer: auch in machtvollen Positionen – sprechbar gemacht worden und bekommt in der Debatte um die geplante menschenunwürdige Bürgergeldreform neuen Schwung. Dazu gehört die Diffamierung der in Armut lebenden Gruppen, insb. denjenigen, die Bürgergeld beziehen: „… wir wollen an diejenigen ran, die den Staat hinters Licht führen“ verspricht Carsten Linnemann (CSU), den „Missbrauch des Sozialsystems“ möchte Alexander Hoffmann (CDU) bekämpfen und Bärbel Bas (Ministerin für Arbeit und Soziales, SPD) sorgt sich in erster Linie um „…mafiöse Strukturen, die wir zerschlagen müssen“. 

Das Bild: ‚Sie‘ – wer genau gemeint ist, bleibt diffus, so dass pauschalisierend alle in Armut Lebenden adressiert werden können – leisteten nichts, würden von der Solidargemeinschaft nehmen, ohne zu geben und sie vor allem hinterhältig ausnutzen. Geweckt wird eine neue Lust am Kontrollieren und Strafen – vielleicht auch am Zerstören. Dem setzt das Schauspiel entschieden die Alltäglichkeit und Fragilität der menschlichen Lebensweisen entgegen und kommt damit genau zur richtigen Zeit, es stellt die Frage „woher kommt der ganze Hass? Warum prügelt man auf die Ärmsten der Gesellschaft ein?“. Ermöglicht wird ein Eintauchen in die Zwänge und Einsamkeit, in Verzicht und Ohnmacht genauso wie in Wünsche, Stärke, Hoffnungen und die Bedeutung der kleinen und großen solidarischen Begegnungen. Angeregt werden Fragen danach, wer wen eigentlich ausnutzt, ob Ausnutzen überhaupt eine gewinnbringende Folie der Betrachtung ist oder ob nicht vielmehr Fragen der Vulnerabilität im Mittelpunkt stehen sollten. Wieso ist es in dieser Gesellschaft möglich, dass Eltern „angefeindet werden, weil ich ein Kind habe, das mit mir in Armut lebt, dafür wird mir die Schuld gegeben. Armut allein ist schlimm, Armut mit Kind belastet noch stärker.“

Für diejenigen, die sich vertieft mit Armut auseinandersetzen und qualitative Studien dazu kennen, dürften die Inhalte auf einer Sachebene nichts Neues sein. Aber genau das macht das Schauspiel zu einem Muss für Wissenschaftler*innen, die Armut vor allem als verobjektivierten Forschungsgegenstand kennen, für Studierende der Sozialen Arbeit, die später mit Menschen in Armutslagen arbeiten, für Politiker*innen, die über die sozialstaatlichen Bedingungen entscheiden, für Lehrkräfte und Verwaltungsmitarbeiter*innen, die deutlich beschämende Spuren im Stück hinterlassen haben und schließlich für Alle. Denn aufgeführt und hörbar werden die Stimmen, denen viel zu selten ein öffentlicher Raum zuerkannt wird und es wird sichtbar, dass es vor allem diejenigen sind, die sich Gedanken um den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Spaltung der Gesellschaft machen.

Nächste Termine: Berlin (26.02.- 01.03.2026), Hamburg (18.06.–21.06.2026) und München (tba.)

Tickets gibt es unter anderem hier zu kaufen.

*Die hier verwendeten Zitate stammen aus dem Skript des Theaterstückes.

Autor*innen-Profil
Jessica Prigge

Jessica Prigge, M.A., ist Mitglied im ITES und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Pädagogik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Armut und soziale Ungleichheiten in der Sozial- und Kindheitspädagogik, Professionalisierung und Evaluation, Didaktik der Sozialpädagogik und rekonstruktiv-qualitative Sozialforschung.

Autor*innen-Profil

Stephanie Simon ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialpädagogik, Erwachsenenbildung und Pädagogik der frühen Kindheit (ISEP) der TU Dortmund.
Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Armut und soziale Ungleichheiten, Deutungen von Bildung & Erziehung, Kindheitsforschung, qualitativ-rekonstruktive Sozialforschung.

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