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Un_ausgesprochene Scham?!

Überlegungen zu Thematisierungsweisen von Armut & Klasse

Mit Armut und der Klassenherkunft werden häufig Erfahrungen der Scham durch die Betroffenen verbunden. Wie kann das erklärt werden? Und wie kann ein klassismusreflexiver Umgang, zum Beispiel bei der Arbeit mit Familien, aussehen? Zwischen eigenen Reflexionen, Erfahrungen aus der Sozialen Arbeit mit wohnungslosen Frauen und Befunden aus meiner Forschung zu Armut in Familienzentren denke ich über diese Fragen nach, zeitweise mit Schamesröte auf den Wangen.

Facetten des Schämens im Kontext von Klasse

Scham im Kontext von Klasse ist vielfältig: Viele „Bildungsaufsteiger*innen“ beschreiben es als schamvoll, wenn deren Klassenherkunft in akademischen Settings entdeckt wird. Dieses Gefühl nennt sich Herkunftsscham. Ich erlebe in diesem Zusammenhang häufig doppelte Scham: Man* schämt sich für die Klassenherkunft und stellt beim Reflektieren fest, dass es vor allem verinnerlichte klassistische Normvorstellungen sind, die im Herkunftsscham ihren Ausdruck finden. Und vor allem dafür schäme ich mich.

Bei meiner Tätigkeit als Sozialarbeiter_innen im Kontext der frauen*spezifischen Wohnungslosenhilfe  berichteten die Adressierten von ganz unterschiedlichen Beschämungen: Für Frau B war das Schlange-Stehen vor unserer Beratungsstelle beschämend, da ihr Unterstützungsbedarf für alle sichtbar war. Frau C erlebte den Kontakt mit ihren Gläubigern als schamvoll, weil sie ihre Rechnungen nicht bezahlen konnte und die Zahlungserinnerungen oft moralisierende Ansprachen an sie enthielten. Frau L schämte sich, wenn sie Termine mit mir vergessen hatte, da sie vermutete, ich würde sie als unzuverlässig wahrnehmen. Frau I wurde von ihrer Freundin beschämt, die sie wiederholt auf ihre andauernde Erwerbsarbeitslosigkeit ansprach und ihr Faulheit unterstellte. Und dann gab es Frau D, die sich ihrer sozialrechtlichen Ansprüche bewusst war und gar nicht auf die Idee gekommen wäre, sich für die Inanspruchnahme zu schämen- warum auch? Sie hatte jahrelang ihren kranken Mann gepflegt und ihr Kind großgezogen und war dann in eine Notlage gekommen.

Scham besitzt also eine sehr subjektive Seite, aber scheint auch eine geteilte Erfahrung zwischen armuts- und klassismuserfahrenen Personen zu sein – in je unterschiedlicher Form.

Beschämungen vermeiden durch Dethematisierungen?

In Workshops mit Pädagog*innen sowie in meiner Feldforschung begegnet mir immer wieder die Frage, wie mit armutserfahrenen Familien umgegangen werden kann, ohne diese zu beschämen. In meiner Forschung habe ich herausgearbeitet, dass die Fachkräfte bereits ein Ansprechen der Armutslage bei den Familien mit Beschämungen verbinden. Die Pädagog*innen wollen alle gleich behandeln und keine Unterschiede aufgrund der finanziellen Lage machen. Sie betonen, dass sie die finanziellen Verhältnisse der Familien nicht kennen und darüber auch nicht Bescheid wissen wollen. In Bezug auf Scham und Beschämungen stellt sich mir die Frage, ob ein Nicht-Ansprechen von Armut automatisch keine Stigmatisierungen hervorbringt. Ist eine Dethematisierung von Armut die Lösung?

Armut, Scham und Schuld

Sieghard Neckel beschreibt in seinen Arbeiten über Scham und sozialen Status, dass Scham eng mit gesellschaftlichen Normen verbunden ist. Diese gesellschaftlichen Normvorstellungen werden vom Menschen entweder nicht erfüllt oder es wird behauptet, dass Personen diese nicht erreichen. Diese Abweichung, ob selbst wahrgenommen oder von Fremden zugeschrieben, erleben Menschen als schamvoll. Hand in Hand geht Scham meist mit Schuld. Gesellschaftlich herrscht die Vorstellung, dass die Normabweichungen selbstverantwortet herbeigeführt werden (Neckel, 1995; Kleiner 2020). Armut wird dann beispielsweise als selbstverschuldetes, persönliches Versagen gesehen. Die Zugehörigkeit zur Armuts- oder Arbeiter*innenklasse gilt als selbstverantwortet, da man* sich nur hätte mehr bemühen müssen, leben wir doch in einer Gesellschaft, in der jede*r alles „schaffen kann“ (auf diesem Mythos beruhen viele abwertende, klassistische Zuschreibungen).Dass eine bestimmte Klassenherkunft überhaupt als „etwas zu schämendes“ gedacht wird und andere Klassenpositionen nicht, zeigt uns gesellschaftliche Ab- und Aufwertungen an. Dass wir diese Rationalitäten verinnerlicht haben, macht das besagte Schamgefühl deutlich.

Keine Thematisierung ist auch keine Lösung

Über eine Dethematisierung von Armut wird diese vermeintlich unsichtbar. Die Heimlichkeit von Armut oder Klassenlage ist in einem institutionellen Setting wie Kindertageseinrichtungen oder Familienzentren sehr fragil. Die finanzielle Ausstattung der Familien bestimmt beispielsweise die (Un-)möglichkeiten der Lebensgestaltung. Dies kann sich wiederum unterschiedlich ausdrücken- sind etwa kostenintensive Freizeitgestaltungen möglich? Ist eine große Wohnung mit Garten bezahlbar? Können Teilnehmer_innenbeiträge für Ausflüge bezahlt werden? Wenn das Ziel ist, Armut in der Einrichtung nicht sichtbar zu machen, dann müssen Familien möglicherweise Sorge tragen, dass ihre Armutssituation verdeckt bleibt und sie nicht „auffliegen“. Dies könnte die Scham der Eltern noch mehr vergrößern.

Ein Nicht-Sprechen-über Armut hat außerdem zur Folge, dass die erlebte Scham der Familien unbesprochen bleibt. Die Erfahrung des Beschämt-werdens aufgrund Armut und Klasse bleibt ein unausgesprochenes individuelles Erlebnis. Obwohl Scham eine gemeinsame und geteilte Erfahrung von armutserfahrenen Menschen sein kann.

Reflexives Sprechen-über Armut

Kann es auch ein Sprechen über diese Themen geben, welches nicht stigmatisierend ist? Oder Thematisierungsweisen, die zumindest reflexiv und sensibel damit umgehen? Könnten Familien gefragt werden, was sie persönlich unter Beschämung in Bezug auf Armut und Klasse verstehen? Ausgehend von diesem Sprechen-über und Zuhören der armutserfahrenen Menschen könnten Pädagog*innen dann Umgangsweisen und Wege entwickeln, um sensibel, wissend und reflexiv mit Armut und Klasse umzugehen. Dies bedeutet nicht, dass Personen ständig auf deren Armutslage angesprochen werden sollen- anregen möchte ich ein Normalisieren des Sprechens-über Armut. Armut sollte dann nicht als persönliches Versagen verstanden werden, für das es sich zu schämen gilt, sondern als Versagen des Sozialstaats, für das wir- wenn überhaupt- uns alle gemeinsam schämen sollten.  

Literatur

Neckel, Sighard (1991a): Status und Scham. Zur symbolischen Reproduktion sozialer Ungleichheit. Frankfurt am Main/ New York: Campus.

Kleiner, Bettina (2020): Sexuelle und soziale Scham. Zur unterschiedlichen Bedeutung dieser Affekte in Rückkehr nach Reims. In: Klambach, Karolin; Kleinau, Elke; Völker, Susanne (Hrsg): Eribon revisited- Perspektiven der Gender und Queer Studies. 2. Auflage.  https://link.springer.com/content/pdf/10.1007/978-3-658-32196-3.pdf

Autor*innen-Profil

Anja Kerle ist Hochschullehrerin in der Sozialen Arbeit an der FH Vorarlberg.
Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Armut, Kindheitspädagogik, kritische Soziale Arbeit, Dispositivanalyse und Machtanalytik, qualitative Sozialforschung (insb. Ethnographie und GTM)

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